Das doppelte Lichterfest

Man kann sich die ausgelassene Stimmung, die überwältigende Freude und die grenzenlose Dankbarkeit gut vorstellen, die geherrscht haben muss im Jahr 164 vor unserer Zeitrechnung, nachdem es einem kleinen Häuflein von Juden entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelungen war, die übermächtigen Seleukiden in die Flucht zu schlagen und Jerusalem mitsamt dem heiligen Tempel zurück zuerobern. Und doch lag noch ein gutes Stück Arbeit vor dem Volk: der von den Besatzern durch Götzendienst entweihte Tempel wollte gereinigt und wieder seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben werden. Entgegen den Makkabäerbüchern, die sehr detailliert von den Konflikten mit den Seleukiden berichten, legt der Talmud, die wichtigste Sammlung rabbinischer Lehre, besonderes Gewicht auf ebendiese Wiedereinweihung des Tempels und die geistliche Bedeutung des daraus entstandenen Festes, das heute unter dem Namen Chanukka (חנוכה = „Einweihung“) bekannt ist.

Im Traktat Schabbat (21b) wird etwa vom bekannten Ölwunder berichtet: obwohl nach all den turbulenten Ereignissen zum Zeitpunkt der Tempelwiedereinweihung nur noch koscheres Öl, das für gerade einmal einen Tag ausreichend gewesen wäre, vorhanden war, brannte die Menora ganze acht Tage – genau so lange wie es dauerte, neues Öl zu beschaffen. Der Brauch, zu Chanukka allabendlich einen achtarmigen Leuchter, die so genannte Chanukkia, zu entzünden, erinnert bis heute an dieses Ereignis.

Auch zu dieser Tradition äußert sich der Talmud, indem er von einer Diskussion zwischen der Schule Schammais und der Schule Hillels berichtet: Erstere war der Ansicht, man solle am ersten Abend von Chanukka alle acht Lichter der Chanukkia entzünden und dann von Tag zu Tag je eines weniger, entsprechend der sich täglich reduzierenden Zahl von Opfertieren an Sukkot (vgl. 4. Mose 29,12-39). Letztere vertrat hingegen die Meinung, man solle am ersten Abend nur ein Licht entzünden und an den folgenden Abenden je eines mehr, entsprechend der Zunahme an Heiligkeit durch die Befolgung der Tradition. Diese wird somit indirekt als Bedingung für die Heiligung genannt.

Umso revolutionärer ist es, was Jeschua (Jesus) während seines Tempelaufenthaltes zu Chanukka (vgl. Joh 10,22) verkündete: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.“ (Joh 10,27+28)

Interessanterweise nennt Jeschua die Befolgung überhaupt keiner bestimmten Tradition als Bedingung für Heiligung und erwartet offenkundig auch keine Gegenleistung für dieselbe, sondern verspricht stattdessen vollständigen Schutz („niemand wird sie aus meiner Hand rauben“) und sogar ewiges Leben. Besonders an dieses Geschenk erinnern sich messianische Juden zu Chanukka und machen deshalb auch selbst gerne Geschenke. Chanukka ist deshalb gleich im doppelten Sinne ein Lichterfest: es erinnert an das Licht der Menora im wiedereingeweihten Tempel und es erinnert uns an Jeschua, das Licht der Welt (Joh 8,12), der uns, seine Nachfolger, zu einem lebendigen Tempel macht, wie es denn in 1. Korinther 3,16 heißt: „Erkennt ihr denn nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“

Magnus Großmann