…den Juden zuerst

“lhr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen, dann das Heil ist aus den Juden.“ (Johannes 4: 22)

Es ist doch interessant, wie Jesus dieser Samariterin begegnet und das Gespräch letztlich nicht nur ihr Leben verändert, sondern auch das einer ganzen Stadt.

Erschöpft von der Reise saß Jesus da, nahe dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab und bittet die wasserschöpfende Frau um etwas Wasser. Weil die Juden nicht mit den Samaritern verkehrten, war die Frau sehr erstaunt, was sie ja auch zum Ausdruck brachte. Doch in dem Gespräch erlebt die Samariterin etwas, was ihr und ihrer Stadt Sychar, in der sie zu Hause war, eine Lebenswende brachte.

Die Menschen in Sychar lebten durchaus auf historisch biblischem Boden. Wer die Geschichte Israels im Alten Testament kennt, weiß, dass sie eine langjährige Tradition hatten. Umso erstaunlicher ist es, dass Jesus ihre Religiosität in Frage stellt: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.“

Mir kommen beim Lesen dieser Geschichte so einige Gedanken, die ich gern mit den Lesern reflektieren möchte.

A) Der Mann, der hier redet, war Jude.
B) Die Frau, die mit Jesus redet, wartet auf den Messias.
C) Jesus unterstellt, dass wahre Anbetung nur im Wissen um die Quelle des Heils geschehen kann.

Sehr oft werde ich gefragt, warum ich mich so intensiv mit dem Judentum befasse? Ich will einige Gründe nennen:

Einmal, weil ich beim Lesen der Bibel immer wieder auf die so offensichtliche Tatsache stoße, dass sie ein jüdisches Buch ist. Alle Autoren waren Juden. Vielleicht hatte sogar auch der Schreiber Lukas nur einen griechischen Namen, oder war auf alle Fälle ein Proselyt. Manchmal staune ich, dass wir Christen diese Tatsache, aus welchen Gründen auch immer, verdrängen. Paulus sagt es doch im Römerbrief ganz klar: „Rühme dich nicht…, – du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11: 18). Dann ist mir klar geworden, wie schwer wir Christen uns mit dem jüdischen Volk tun. Belastet durch die deutsche Vergangenheit hören wir oft mehr auf das, was Menschen sagen, als auf das, was Gottes Wort sagt. Wem soll denn das Heil verkündigt werden? Wir denken und reden viel von dem Missionsbefehl aus Matthäus 28: 19. Es ist schon recht, dass wir gehen. Aber kennen wir auch Römer 1: 16? Obgleich Gott alle Völker in seinen Rettungsplan einschließt, steht der Satz unwiderruflich fest: „ …den Juden zuerst.“

Weiter muss jedem Leser der Bibel auffallen, in allen Evangelien redet Jesus „Juden“ an, ganz selten Heiden. Er sagt deutlich, als ihn eine Heidin um Hilfe bat: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Es muss jedem Bibelkenner auffallen, die erste Gemeinde – die Geburt der Kirche (Ekklesia) am Pfingsttag – bestand aus Juden. Alle Glieder waren Juden. Nachdem nun die Gläubigen durch Verfolgung aus Jerusalem vertrieben wurden in die heidnische Umgebung, wurde langsam begriffen, die frohe Botschaft gilt auch den Heiden. Unser Herr beruft dazu dann auch ausdrücklich den Juden Saulus, den wir als den Apostel Paulus kennen und schätzen.

Weil nun das Christentum grundsätzlich jüdische Wurzeln hat, ist es für mich ein Herzensanliegen, diese Wurzeln zu erforschen und mich daran zu erinnern, was der Heidenapostel schrieb, nämlich, dass ich als wilder Ölbaum, in den edlen eingepfropft wurde, und dass nicht ich die Wurzel trage, sondern die Wurzel trägt mich. So ist es nur logisch und ich meine auch geistlich, zu überdenken, wenn ich, wenn wir Christen, an den geistlichen Gütern Israels teilhaben, wir auch den Juden, insbesondere den an Jesus glaubenden, mit den natürlichen Gütern dienen.

Vor Jahren, als Deutschland noch in der Hochkonjunktur stand, und viele Ausländer als Arbeitskräfte gesucht und geschätzt wurden, diskutierte man in den Gemeinden über Ausländermission. Statistiker sagen, Deutschland hat die wenigsten Missionare. Darum kam der Gedanke damals auf, da wir nur wenige Missionare ins Ausland senden, schickt Gott uns Ausländer vor die Tür, um ihnen die frohe Botschaft von der rettenden Gnade Jesu zu bringen. In Wirklichkeit hat sich aber leider in unserem Volk eher Ausländerfeindlichkeit als Nächstenliebe zu ihnen entwickelt. Dafür gibt es nur genug Anzeichen, und die Tendenz ist ansteigend. Jetzt kommen besonders viele Juden aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland. Gott setzt sie wieder vor unsere Tür. Werden wir sie annehmen, sie lieben, ihnen helfen, ihren Messias zu finden, oder gehen wir gleichgültig an ihnen vorüber? Was sagte doch Jesus, und er meinte durchaus Juden damit: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“

Ich möchte besonders meine christlichen Glaubensgeschwister ansprechen, die dieses Blatt lesen, ernstlich darüber nachzudenken und das Gespräch darüber mit Jesus zu suchen, wie es die Frau am Jakobsbrunnen tat. Vielleicht wird dann auch, wie bei mir, ganz neu erkannt, wie wir dem jüdischen Volk begegnen können und sollen.

Auf die Vergangenheit unseres Volkes angesprochen sagte mir ein Jude: „Ihr habt als Nation Millionen Juden den Leib getötet, das war schlimm. Aber wenn ihr den Juden jetzt das Evangelium vorenthaltet, tötet ihr ihre Seelen, und das ist viel schlimmer.“

Lasst es uns zum täglichen Gebet machen, was der Psalmist schreibt:
„Erbittet Frieden für Jerusalem! Ruhe sollen haben, die dich lieben.“ (Psalm 122: 6)

Horst Stresow