Einiges zur Versöhnung zwischen Juden und Christen

Der Bedarf an Versöhnung

Die Beziehung zwischen Christen und Juden war im Lauf der Jahrhunderte nur selten harmonisch. Es war vielmehr über lange Zeit so, dass Juden von denen, die sich Christen nannten, unterdrückt, verfolgt, ausgegrenzt, ja sogar umgebracht wurden. Dies hat in der jüdischen Erinnerung viele Wunden und Narben hinterlassen. Die Juden sind am historischen Gedächtnis orientierte Menschen. Wir bauen unsere Identität auf Schlüsselereignissen der Vergangenheit auf, angefangen mit der Verheißung an Abraham und unter Einbeziehung von Ereignissen wie dem Exodus, der Zerstörung des Ersten Tempels, der Zerstreuung, des Aufstands der Makkabäer, der Zerstörung Jerusalems und des Zweiten Tempels. Wir erinnern uns an Masada, die Kreuzzüge, die Inquisition, die Pogrome, den Holocaust und die Gründung des Staates Israel. All diese sowie ähnliche Ereignisse stellen nicht nur die jüdische “Geschichte”, sondern auch die jüdische “Gegenwart” dar, indem im Rahmen von Festen, Fastenzeiten und Gedenktagen die Erinnerung an sie wach gehalten wird. Die Geschichte des jüdischen Volkes bestimmt und beeinflusst seine Gegenwart. Deshalb üben die Wunden der Vergangenheit einen starken Einfluss auf die Beziehung und Haltung der Juden zur Kirche aus. Die Glaubwürdigkeit der Kirche und infolgedessen das Zeugnis von Jesus werden durch die Linse der Erinnerungen kommuniziert – im Fall der Juden also durch die Linse der Wunden.

Die Wunden der Erinnerung zu heilen ist wichtig, sowohl um des jüdischen Volkes als auch um der Kirche willen. Den Juden kann dies helfen, ein positiveres Eigenidentitätsbewusstsein wiederzuerlangen und die Opfermentalität, die die Beziehungen zu ihrer Umwelt bestimmt, abzulegen. Der Kirche kann die Heilung der Wunden helfen, sich selbst als eine Kirche wahrzunehmen, die Vergebung empfangen hat, und aus der bewussten oder unbewussten “Täterrolle” herauszutreten. Persönliche emotionale Heilung steht in einem Zusammenhang mit zwischenmenschlicher Heilung – Versöhnung. Diese zwei Dimensionen stehen in einer Wechselbeziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Emotionale Heilung und Versöhnung unterscheiden sich von der moralischen Entscheidung zu vergeben und sind komplizierter als diese. In der Therapie beobachtet man immer wieder, dass die “Entscheidung zu vergeben die Tür zur emotionalen Heilung und zur Versöhnung öffnet, wenn diese Entscheidung geschützt, besonnen und richtig ist. Heilung und Versöhnung sind Aufgaben, für die viele, gleichwohl unterschiedliche Schritte nötig sind, ausgehend von der grundlegenden geistlichen Entscheidung zu vergeben.”[2]

Buße und Versöhnung aus jüdischer Sicht

Der Zusammenhang zwischen Versöhnung und Vergebung wird zwar unter Psychiatern diskutiert und ist wahrscheinlich kulturabhängig,[3] doch um den Prozess der Vergebung, Versöhnung und emotionalen Heilung in Gang zu setzen, erwartet man naturgemäß Buße vonseiten des Täters. Dies trifft besonders im Christentum und im Judentum zu. Die Buße unterscheidet sich jedoch erheblich in den jüdischen und christlichen Traditionen in einigen Aspekten hinsichtlich ihrer Rolle und ihres Wesens.

Von umfassender Buße gemäß der jüdischen Tradition wird erwartet, dass sie nicht nur (1) ein verbales Bekenntnis und eine verbale Abbitte auf liturgischer und persönlicher Ebene beinhaltet, sondern auch (2) ein ehrliches Benennen des Vergehens und ein Eingeständnis, dass es Sünde ist, (3) eine angemessene Wiedergutmachung, (4) eine Selbstverpflichtung, die Sünde nicht nochmals zu begehen, und (5) dass man der Versuchung widersteht, auf diese Weise zu sündigen.[4] All diese Schritte sind notwendig, obgleich es möglich ist, mit irgendeinem dieser Schritte zu beginnen. Im Judentum ist die Abwesenheit aller innerer negativen Gefühle in Bezug auf den Täter nicht unbedingt das Ziel im Prozess der Vergebung. Obwohl dies wünschenswert ist, konzentriert sich die jüdische Tradition auf realistischere Dinge.

Gemäß der jüdischen Tradition kann nur der Schuldige das Unrecht wiedergutmachen, und nur derjenige, dem das Unrecht angetan wurde, kann vergeben. Mit anderen Worten ist der Schuldige dafür verantwortlich, zu tun, was immer nötig ist, um angemessen Buße zu tun, während das Opfer dafür verantwortlich ist, die Buße zuzulassen und anzunehmen. Obwohl es Möglichkeiten gibt, an einer gemeinsamen Buße und Vergebung des jüdischen Volkes teilzunehmen, gibt es keinen Mechanismus der Buße und Vergebung “im Namen eines anderen”.

Sünde entfremdet uns von unseren Mitmenschen und von Gott. Daher gibt es im Judentum mehr als eine Art von Vergebung. Die grundlegendste Art von Vergebung ist Mechila (“der Verzicht darauf, die Verschuldung des anderen geltend zu machen”). Wenn der Schuldige wahrhaftig und aufrichtig Buße getan hat (Teschuva), sollte das Opfer sich bereit erklären, seine Schulden zu erlassen und die Schuldforderung gegenüber dem Schuldigen fallenzulassen. Dies beinhaltet aber weder Versöhnung noch emotionale Heilung, sondern einfach nur, dass man zu dem Schluss kommt, dass der Täter dem Opfer nichts mehr schuldet.[5] Deswegen ist Vergebung im Judentum nichts Leichtes; – das Opfer ist nicht verpflichtet, Mechila anzubieten, es sei denn, dass die Buße wirklich aufrichtig ist und dass die Schritte, um das Unrecht wiedergutzumachen, tatsächlich getätigt worden sind.[6] Die zweite Art von Vergebung ist Selicha (“Vergebung”), von der man spricht, wenn das Herz zu einem tieferen Verständnis des Sünders vordringt und Empathie für ihn empfindet. Selicha ist keine Versöhnung und beinhaltet nicht ein Akzeptieren des Täters, sondern bedeutet vielmehr, dass man zu dem Schluss gekommen ist, dass der Täter auch menschlich und schwach ist und dass ihm insofern Mitgefühl zusteht. Die dritte Art von Vergebung ist Kappara (“Sühne”) oder Tahora (“Reinigung”). Dies ist die totale, existenzielle Reinigung von aller Sündhaftigkeit. Diese ultimative Form von Vergebung wird jedoch nur von Gott selbst gewährt.[7]

Die Unzulänglichkeit der christlichen Buße aus jüdischer Sicht

In der jüdischen Tradition wird eine starke Betonung auf Buße gegenüber dem Opfer gelegt, während die Buße im Christentum vornehmlich an Gott gerichtet ist, um von ihm Reinigung und Vergebung der Sünden zu erlangen. Der auf das Opfer gerichtete Aspekt bleibt dabei in vielen Fällen zweitrangig und wird in manchen Fällen sogar gänzlich missachtet. Vom Standpunkt jüdischer Opfer aus gesehen kann eine solche Buße bedeutungslos, ja sogar anstößig anmuten, besonders dann, wenn sie keine Wiedergutmachung und keine radikale Verhaltensänderung beinhaltet.

In dieser Hinsicht ist die Katholische Kirche ein gutes Anschauungsbeispiel. Das Dokument der Kommission für die Religiösen Beziehungen zu den Juden, Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoah[8], enthält Aussagen, die sich mit der Frage der Buße der Kirche auseinandersetzen, und die in dem Dokument der Internationalen Theologischen Kommission, Erinnerung und Versöhnung: Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit (Dezember 1999) wiederholt und bekräftigt wurden. Nach dem Eingeständnis der turbulenten Beziehung zwischen Christen und Juden in der Vergangenheit und nachdem darauf hingewiesen wird, dass einige Christen es versäumt haben, die Liebe Jesu in Bezug auf das jüdische Volk während des Holocaust beispielhaft auszuleben, heißt es: “Diese Tatsache bedeutet für alle Christen von heute einen Appell an das Gewissen zu einem Akt der Reue (Teschuva)‘. Er soll ein Ansporn sein, die Anstrengungen zu verdoppeln, ‚sich zu wandeln und im Denken zu erneuern‘ (Röm.12,2) sowie ein ‚moralisches und religiöses Gedächtnis‘ angesichts der dem jüdischen Volk geschlagenen Wunden aufrechtzuerhalten. Was in diesem Bereich schon alles getan wurde, kann bekräftigt und vertieft werden.” Obwohl das wahrscheinlich das Beste war, wozu die Kirche zu der Zeit fähig war, konnte es vom jüdischen Standpunkt aus dennoch nicht als “Buße” wahrgenommen werden. Um es als Teschuva ansehen zu können, würde man jüdischerseits von der Kirche erwarten, dass sie die Sünden der Vergangenheit benennt und zugleich die verursachten physischen, emotionalen und finanziellen Traumata eingesteht. Buße über Antisemitismus sollte auch beinhalten, dass man den heutigen Antisemitismus kritisiert und bekämpft. Wenn die Kirche sich als Fortsetzung der vorangegangenen Generationen sieht, sollte sie die Willigkeit zum Ausdruck bringen, konkrete Entschädigungen für die vergangenen Vergehen der Kirche in irgendeiner Form anzubieten. Es ist zu hoffen, dass die Katholische Kirche seither einige neue Erklärungen herausgebracht hat, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, aber ich bin mir solcher Erklärungen nicht bewusst. Wie dem auch sei, nach den oben erwähnten Dokumenten zu urteilen, ist die Buße der Katholischen Kirche vom jüdischen Standpunkt aus gesehen unvollständig.[9] Sie ist bei Weitem nicht hinreichend, um Versöhnung und emotionale Heilung zu bewirken, und erfüllt noch nicht einmal die erforderlichen Voraussetzungen für Mechila, die elementarste Vergebung vonseiten des jüdischen Volkes.

Nehmen wir auch als Beispiel die Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD, die offizielle protestantische Kirche in Deutschland) zu “Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum” vom November 2015. Indem man einräumt, dass Luthers Schriften einige schreckliche antisemitische Passagen enthalten, heißt es in dem Dokument: “Wir erkennen, welchen Anteil die reformatorische Tradition an der schmerzvollen Geschichte der „Vergegnung“ (Martin Buber) von Christen und Juden hat. Das weitreichende Versagen der Evangelischen Kirche gegenüber dem jüdischen Volk erfüllt uns mit Trauer und Scham. Aus dem Erschrecken über historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg jüdischer Menschen erwächst heute die besondere Verantwortung, jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegenzutreten.” Obwohl diese Erklärung Aufrichtigkeit erkennen lässt sowie Reue und den Wunsch, sich in Zukunft anders zu verhalten, versäumt es die Erklärung jedoch, von der jüdischen Sichtweise der Buße aus betrachtet, die Sünden konkret zu benennen und dafür Entschädigung zu bieten. Daher geht die Erklärung nicht weit genug, um selbst die elementare Mechila zu ermöglichen.

Obwohl einzelne nicht-denominationsgebundene christliche Gemeinden sowie einige kleinere christliche Denominationen eine vollständigere Buße im Namen des Christentums getan haben, wurde die Wirkung dieser Buße vornehmlich nur auf der lokalen Ebene wahrgenommen. Die großen Denominationen haben es meist noch nicht einmal in Erwägung gezogen, solches zu tun. Die allgemeine Annahme (sowohl jüdischer als auch christlicherseits) ist die, dass die historischen Kirchen allein für das Leiden der Juden verantwortlich sind. Daher haben die Juden bis heute noch nie erleben können, dass die Christen in ihrer Gesamtheit Buße so tun, wie Buße vom jüdischen Standpunkt aus zu verstehen ist.

Deswegen hat es bis heute noch keine Gelegenheit gegeben, den Christen insgesamt Vergebung anzubieten. Infolgedessen bleibt Versöhnung und Heilung der Wunden in der Erinnerung eine Unmöglichkeit. Wie bereits festgestellt, ist es im Judentum so, dass für Buße und Vergebung ausschließlich die Betroffenen selbst verantwortlich sind. Obwohl wir in der jüdischen Denkweise Konzepte persönlicher Vergebung und gemeinschaftlicher Buße sowie persönlicher Buße im Namen des Volkes finden, finden wir keinen Hinweis auf das Gewähren von Vergebung im Namen der ganzen Nation. Tatsächlich gibt es in der jüdischen Denkweise keinen formalen Mechanismus, durch den Juden der Kirche für die lange Geschichte antisemitischer Lehre und Verfolgung, die im Holocaust gipfelte, gemeinschaftlich vergeben könnten (weder Mechila, noch Selicha). Im Übrigen gibt es keine designierte höchste jüdische Instanz, die im Namen des jüdischen Volkes als Ganzes eine gemeinsame Vergebung gewähren könnte.[10] Infolgedessen können selbst jüdische Nachfolger Jeschuas nicht im Namen des jüdischen Volkes Christen Vergebung anbieten. Die einzige Art von Vergebung, die übrig bleibt, ist Kappara (“Sühne”), die nur von Gott allein kommt.

Was der Apostel Paulus über Versöhnung zu sagen hat

Die Versöhnung von Juden und Nichtjuden, die aufgrund von unterschiedlichen Denkweisen bezüglich Vergebung und Buße sowie vorgenannter Faktoren aus menschlicher Sicht unmöglich erscheint, wird Wirklichkeit durch Jeschua (Jesus). Eine kraftvolle Botschaft der Versöhnung in beiden Dimensionen, sowohl der horizontalen (Juden und Nichtjuden) als auch der vertikalen (Menschen mit Gott), finden wir in Epheser 2,11-22.

Gemäß Epheser 2,11-13 sind nichtjüdische Gläubige in Ephesus im Messias mit Israel vereint und erhalten Zugang zu Gott. Dies war vor ihrer Erlösung im Messias nicht möglich. In seiner Erklärung in Eph. 2,14-18 schreibt Paulus, dass diese dramatische Veränderung geschah, weil der Messias selbst der Friede ist, er, der Frieden gemacht und Frieden verkündigt hat. Insbesondere werden die Nichtjuden mit Israel zusammengefügt und erhalten Zugang zu Gott, weil der Messias der eins-machende Friede der Juden und Nichtjuden ist. Er ist es, der die komplexe Trennung und Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden beseitigt hat (Vers 14), indem er die trennenden Gesetzesregulierungen rechtlich außer Kraft gesetzt hat. Gemäß der komplexen Struktur der paulinischen Argumentation an dieser Stelle führte diese rechtliche Veränderung dazu, dass sie ein Volk wurden, wodurch Frieden zwischen Juden und Nichtjuden geschaffen wurde (Vers 15). Der Sinn hinter der Schaffung dieser Einheit war es, beide, Juden und Nichtjuden, durch die Zerstörung der Feindschaft zwischen ihnen und Gott in einem Volk mit Gott zu versöhnen (Vers 16). Der Tod des Messias war das ultimative Mittel, um Versöhnung zwischen dem jüdischen Volk und den Nichtjuden und zwischen beiden und Gott zu bewirken. Das Opfer Jeschuas wird beschrieben als das Mittel, um in beiden Dimensionen, horizontal und vertikal, Frieden zu schaffen. Es ist der kostspieligste und zugleich der einzig annehmbare Preis für den vollen zweidimensionalen Frieden. So ist der Messias der vereinende Friede für Juden und Nichtjuden und zugleich für beide mit Gott.

Es ist offensichtlich, dass es in dem Text um jüdische und nichtjüdische Nachfolger Jeschuas geht. Die Betonung liegt in dieser Bibelstelle auf der letztendlichen Einheit zwischen den beiden Gruppen – von “zwei” zu “einem”. Diese horizontale Versöhnung ist die Grundlage für die vertikale Versöhnung der beiden Gruppen mit Gott. Buße als Voraussetzung für Versöhnung auf der horizontalen und der vertikalen Ebene wird im Text nicht ausdrücklich erwähnt. Die Betonung liegt ganz klar auf der Rolle Jeschuas and auf dem, was er getan hat, um die Versöhnung zu bewirken. Jeschua ist bei beiden Versöhnungen der entscheidende Handelnde. Er bringt sie zustande, während jüdische und nichtjüdische Nachfolger scheinbar passive Handlungsempfänger seines Erlösungswerkes bleiben. Jüdische Nachfolger, ebenso wie Nichtjuden, sind unerlässlich für die Erlösung, während die Versöhnung zustande gebracht wird, indem die Nichtjuden mit dem jüdischen Volk zusammengebracht werden.

Gemäß Epheser 2,11-22 sind die jüdischen Nachfolger Jeschuas in der gegenwärtigen Phase der entscheidende und grundlegende Teil des einen “Leibes”. Auf eine geheimnisvolle himmlische Weise sind Nachfolger Jeschuas aus anderen Nationen, selbst ohne dass sie dies beabsichtigen, mit den Nachfolgern aus dem Volk Israel zusammengefügt. Dies ist die tiefste und vollkommenste in der Bibel beschriebene Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden. Diese Versöhnung ist unabhängig von kulturellen Grenzen und wird nicht durch Kommunikationsprobleme beeinträchtigt oder gefährdet. Während die Versöhnung auf der menschlichen Ebene unmöglich erscheint, ist diese göttliche Versöhnung vollkommen. Hierbei sind jüdische Gläubige nicht nur ein Beweis dafür, dass vollkommene Versöhnung möglich ist, vielmehr sind sie ein grundlegendes Element einer solchen Versöhnung. Ihr sichtbares Vorhandensein im Leib des Messias ist daher von entscheidender Bedeutung. Zwar heilt diese Versöhnung nicht automatisch die Wunden in der Erinnerung, aber sie schafft dennoch mit Sicherheit die bestmögliche Grundlage für die Heilung.

Einige abschließende Bemerkungen

Jüdische Nachfolger Jeschuas sind in einer strategischen Lage, da sie dem jüdischen Volk und zugleich dem Leib des Messias angehören. Dies eröffnet ihnen eine einzigartige Möglichkeit, als Insider zu fungieren, wenn Buße und Vergebung angestrebt werden.  Jüdische Gläubige können zu lebendigen Beispielen von Versöhnung und Heilung werden, indem sie aufgrund des Erlösungswerkes des Messias auf persönlicher Ebene Fürbitte tun, Buße tun und Vergebung gewähren.

Obwohl es nur durch das Eingreifen Gottes möglich ist, die Aufgabe zu bewältigen, sollte die Liebe Gottes die Kirche dennoch dazu bewegen, wenigstens einige Schritte zu unternehmen, um den Wunsch nach Versöhnung gemäß der jüdischen Denkweise zum Ausdruck zu bringen und um dadurch zu bewirken, dass die Juden offen für Versöhnung werden, die die Wunden in der Erinnerung heilt. Die Kirche sollte spezielle Sünden der Vergangenheit in Bezug auf das jüdische Volk einsehen und bekennen und aufrichtig dafür Buße tun. Sie sollte zugleich den Antisemitismus bekämpfen und sich aktiv darum bemühen, dem jüdischen Volk Gutes zu tun. Jüdische Nachfolger Jeschuas könnten mit gutem Beispiel vorangehen und die Kirche immer wieder ermutigen, dies zu tun.

Jüdische Gläubige können helfen, dem jüdischen Volk und der Kirche die “Jüdischkeit” Jeschuas, des Evangeliums, des Neuen Testaments, ja selbst des Christentums zu erläutern.

Somit sind die jüdischen Nachfolger Jeschuas von grundlegender Bedeutung für die gottgewollte Versöhnung der Menschen untereinander und der Menschheit mit Gott. Als solche identifiziert zu werden, ist ein Zeichen dieser Versöhnung, dem eine entscheidende Bedeutung zukommt, und eröffnet jüdischen Nachfolgern Jeschuas einzigartige Möglichkeiten, ihren ganz speziell jüdischen Beitrag zu leisten, damit der Versöhnungsplan Gottes für das jüdische Volk und die Kirche in Erfüllung geht. Dies wird auf natürliche Weise zur Heilung der Wunden in der Erinnerung beitragen und diese herbeiführen. Die praktischen Schritte, die notwendig sind, um diese Rolle zu erfüllen, könnten ein gutes Thema für weitere Diskussionen sein.

Von Wladimir Pikman

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[1] Gekürzte Fassung des Originalvortrags „Essential Role of Jewish Followers of Jesus in Reconciliation in Pauline Theology” von Wladimir Pikman, gehalten auf  der Konferenz “Helsinki Consultation for the Jewish Continuity in the Body of the Messiah” in Krakau/Polen (Juli 2017). Übersetzt von James Peter Darby.
[2] Harry J. Aponte, “Love, the Spiritual Wellspring of Forgiveness: An Example of Spirituality in Therapy”, Journal of Family Therapy 20, Nr. 1 (1998): 42-3.
[3] vgl. Richard S. Balkin, Stephen J. Freeman, und Steve R. Lyman, “Forgiveness, Reconciliation, and Mechila: Integrating the Jewish Concept of Forgiveness into Clinical Practice”, Counseling and Values 53, Nr. 2 (2009): 154-5.
[4] Teschuva ist das Schlüsselkonzept in der rabbinischen Auffassung von Sünde, Buße und Vergebung. In der rabbinischen Tradition ist es Konsens, dass für Buße fünf Elemente erforderlich sind: Eingeständnis seiner Sünden als Sünden (und nicht lediglich als unterlaufene Fehler oder Versehen), Reue, Unterlassen der Sünde (vorsätzliche Handlung – aufzuhören zu sündigen), Wiedergutmachung wo immer möglich (die Handlung, verursachte Schäden, so gut wie es einem möglich ist, wiedergutzumachen), und das Bekennen (auf liturgischer und persönlicher Ebene); vgl. David R. Blumenthal, “Repentance and Forgiveness,” Cross Currents 48, Nr. 1 (1998): 78-79.
[5] Das Judentum beinhaltet auch das Konzept des Takkanat ha-Schavim (wörtl. “die Verfügung bezüglich des Bußfertigen”) – Buße einhergehend mit Mitleid je nach dem zugefügten Unheil befreit den Sünder von den Konsequenzen; vgl. mGittin 5:5; bGittin 55a. Der Kerngehalt des Begriffs ist Ermutigung zu späterem richtigen Verhalten durch Belohnung desselben, so dass die Konsequenzen von vorherigen illegalen Handlungen abgemildert werden; vgl. A. D. Panken, The Rhetoric of Innovation: Self-Conscious Legal Change in Rabbinic Literature (University Press of America, 2005), 199.
[6] “Das Prinzip, dass Mechila nur gewährt werden sollte, wenn es auch verdient wird, stellt das große jüdische “Nein” zur billigen Vergebung dar. Es gehört zum Kern der jüdischen Auffassung von Vergebung, so wie das Ablassen von der Sünde zum Kern der jüdischen Auffassung von Buße gehört. Ohne guten Grund sollte die Person, der Unrecht angetan wurde, nicht darauf verzichten, die Verschuldung des Sünders geltend zu machen; sonst würde der Sünder möglicherweise nie echt Buße tun und das Unheil würde fortbestehen. Und umgekehrt ist die Person, der Unrecht angetan wurde, moralisch verpflichtet, die Schulden zu erlassen oder auf die Schuldforderung zu verzichten, wenn es dafür gute Gründe gibt. Dies ist das große jüdische “Ja” zur Möglichkeit der Buße, die jedem Sünder offensteht.” Blumenthal: 79-80.
[7] vgl. ebd.: 80
[8] Kommission für die Religiösen Beziehungen zu den Juden, We Remember: A Reflection on the Shoah [Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoah], Rom (16. März 1998), III, in Informationsdienst des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Nr. 97, 19.
[9] Siehe die ausgedehnte Diskussion in Solomon Schimmel, Wounds not Healed by Time: The Power of Repentance and Forgiveness [Wunden nicht durch die Zeit geheilt: Die Kraft von Buße und Vergebung] (Oxford; Oxford University Press, 2002), 211-15.
[10] vgl. Blumenthal: 80.