Pessach persönlich

Bekanntlich gehört neben Schavu’ot (Wochenfest) und Sukkot (Laubhüttenfest) auch Pessach zu den so genannten Regalim, den Pilgerfesten Israels. Wie der Name schon andeutet, zeichnen diese drei Feierlichkeiten sich vor allem dadurch aus, dass sie, gemäß Tora, an einem einzigen Ort – seit der Zeit Davids war das Jerusalem – stattfanden und die Bevölkerung des gesamten Landes angehalten war, zu eben diesem Ort zu pilgern (5. Mose 16,16). Angesichts der Tatsache, dass es zu biblischen Zeiten noch keine motorisierten Fahrzeuge geschweige denn öffentlichen Personennahverkehr gab, erscheint das Pilgergebot dem modernen Leser womöglich als völlig unnötige Belastung der damaligen Israeliten. Allerdings waren Pilgerfeste in der Antike weit verbreitet und beliebt.

Den Israeliten zur Zeit des Exodus dürfte das Konzept der Wallfahrt ebenfalls nicht fremd gewesen sein, da auch in Ägypten bei etlichen kultischen Anlässen, wie etwa dem jährlich in Theben stattfindenden Opet-Fest, die Pilgerreise Voraussetzung für die Teilnahme war. Und dennoch nahmen offenbar auch die Ägypter die Strapazen der Anreise gerne auf sich. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Pilgerfeste dieser Art befriedigen ein zentrales, menschliches Bedürfnis, nämlich das nach Gemeinschaft. Man kann sich gut vorstellen, wie wichtig solche Anlässe zu einer Zeit waren, in der es noch kein Telefon oder Internet und erst recht keine sozialen Medien gab.

So ist es nicht überraschend, dass auch an Pessach die Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielt. In 2. Mose 12,4 z.B. werden die Israeliten angewiesen, das Pessachlamm mit ihren Nachbarn zu teilen, sofern die eigene Familie nicht groß genug ist, es zu verspeisen. Außerdem fordert Vers 16 dazu auf, sich sowohl am ersten als auch am siebten Tag des Festes zu einer gemeinschaftlichen Feier zu versammeln. In der Tat scheint Gott die Gemeinschaft mit seinem Volk bzw. die Gemeinschaft innerhalb seines Volkes, das er an anderer Stelle sogar als seinen Augapfel bezeichnet (Sacharja 2,12), ungeheuer wichtig zu sein. Bisweilen sogar so wichtig, dass man den Eindruck gewinnen könnte, der oder die Einzelne zähle überhaupt nicht.

Dieser Eindruck wäre jedoch äußerst einseitig. Denn das Pilgergebot sowie alle weiteren Anweisungen der Tora, die den Menschen immer wieder in die Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen führen, sind eingebunden in einen Verhaltenskodex, dessen oberstes Gebot lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ (5. Mose 6,5 – vgl. Matthäus 22,37+38).

Entgegen mystischen Vorstellungen von der Seele als ätherischem Wesen, das im leiblichen Menschen wohnt, zeigen sprachwissenschaftliche Untersuchungen, dass das hebräische Wort „nefesch“ (Seele) in Kombination mit Pronomen wie „mein“, „dein“, „sein“, „ihr“, usw. im Grunde gar nicht als Hauptwort zu verstehen ist, sondern als Demonstrativpronomen.[1] Demnach müsste z.B. Psalm 146,1 nicht etwa lauten „Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele!“, sondern „Halleluja! Ich selbst möge den Herrn loben!“ Und folglich ließe sich auch 5. Mose 6,5 anders übersetzen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Selbst und mit deiner ganzen Kraft!“

Somit spricht die Tora, und damit letztlich Gott, gerade den einzelnen Menschen in seiner völligen Individualität an. Die persönliche Beziehung zu ihm, ja die persönliche Liebesbeziehung sogar, ist ihm das allergrößte und wichtigste Anliegen. Deshalb nimmt diese Aufforderung zur Gottesliebe im Judentum sowie im Christentum schon von jeher eine besondere Vorrangstellung ein. Allerdings ergänzt Jeschua dieses höchste Gebot um ein weiteres Zitat aus der Tora: „Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matthäus 22,39 – vgl. 3. Mose 19,18).

Paradoxerweise setzt auch die Selbstwerdung des Menschen die Begegnung mit anderen Menschen voraus. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das einmal so formuliert: Der Mensch wird am Du zum Ich. Anders ausgedrückt könnte man sagen: mein Umgang mit anderen bestimmt wer ich bin.

Gerade in Bezug auf Pessach stellt sich da die Frage: wer bin ich? Bin ich wie der Pharao, der in seinen Mitmenschen lediglich nützliche Lakaien sieht? Oder bin ich wie Mosche, der sich selbst trotz Kritik und Anfeindungen für seine Mitmenschen aufopfert? Oder bin ich vielleicht irgendwie dazwischen, zeitweise unentschlossen und skeptisch wie vermutlich viele Israeliten und auch Ägypter zur Zeit des ersten Pessach?

Erst wenn ich diese Frage(n) beantworten kann, wird Pessach auch zu meinem Pessach und damit zu einem ganz persönlichen Fest.

Magnus J. Grossmann


[1]   Ethan Jones, „Direct reflexivity in biblical Hebrew: a note on נפש” in ZAW, Vol 123, Issue 3, 2017, 411-426.