Auschwitz – ein Erfahrungsbericht

Ein Erfahrungsbericht ĂŒber die Reise nach Auschwitz (31.10. – 3.11.2019) von Kristina Stegemann

Gemeinsam nach Auschwitz – eine neue Generation gegen das Vergessen

Endlich ist es so weit: Nach Monaten des Planens, Organisierens und Betens soll nun endlich die Reise zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz starten, die von Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst angeboten wird. Als Komitee, das diese Reise organisieren durfte, haben wir sehr viel Zeit in die Vorbereitung dieses Projektes gesteckt und freuen uns nun darauf, dass es endlich RealitĂ€t werden soll. Wir sind eine bunte kleine Gruppe, die sich da vor knapp einem Jahr fĂŒr diesen Zweck zusammengefunden hat: Wladimir Pikman als Leiter von Beit Sar Shalom, Dima und Evgeni, die beide Leiter von messianischen Gemeinden sind, Andreas als Israel-Freund und Leiter von Reisegruppen im Heiligen Land, Valentina als ehemalige Mitarbeiterin des Evangeliumsdienstes, die dieses Projekt ins Leben gerufen hat, und ich als neugierige Theologiestudentin. Uns allen war von Anfang an klar, wie bedeutsam ein solches Projekt ist: Als messianische Juden und nicht-jĂŒdische Christen, die in Deutschland leben, liegt es uns allen am Herzen, eine Reise zum ehemaligen KZ Auschwitz fĂŒr junge Erwachsene anzubieten, um dem wieder aufflammenden Antisemitismus in Deutschland, der sich in so viele zynische, politische und religiöse GewĂ€nder kleidet, entgegenzutreten. Eine neue Generation gegen das Vergessen – das ist das Motto, unter dem wir diese Reise antreten. Und so kommt schließlich eine noch buntere Gruppe von 33 Menschen zusammen, denen genau diese Sache am Herzen liegt: junge Erwachsene und erfahrene Gemeindeleiter, Juden und Nicht-Juden, messianische und christliche GlĂ€ubige aus ganz Deutschland und der Schweiz mit dem Wunsch, sich der Geschichte zu stellen, die gemessen an der Welt noch viel zu jung ist, um vergessen und verdrĂ€ngt zu werden. Diese Geschichte, die bei weitem nicht nur Deutschland und Israel betrifft, sondern mindestens geistlich irgendwie bis heute Auswirkungen auf die ganze Welt hat.

Unsere Reise beginnt ironischerweise am 31. Oktober 2019, dem Gedenktag fĂŒr die Reformation, dessen Initiator sich tragischerweise in seinen letzten Lebensjahren so radikal gegen Juden wandte. An diesem Donnerstag kommen wir als Juden und Nichtjuden zusammen, doch noch bedeutsamer scheint der Startpunkt unserer Reise zu sein: Berlin ist wohl der geschichtstrĂ€chtigste Ort Deutschlands, wenn es um jĂŒdisches Leben in diesem Land geht. Und nicht nur hat hier Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst seit 24 Jahren seinen Sitz, von dem ausgehend das Evangelium jĂŒdischen und nicht-jĂŒdischen Menschen in ganz Deutschland gebracht wird. Sondern hier wurde auch der Holocaust initiiert und die Idee fĂŒr Auschwitz ins Leben gerufen. 1941 wurde hier in Berlin die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ zur organisierten Profession erklĂ€rt und Himmler zum Leiter dieses nun offiziellen Arbeitszweigs des nationalsozialistischen Apparats ernannt. Ein Jahr spĂ€ter fand hier in Berlin die berĂŒchtigte Wannsee-Konferenz statt, um den Holocaust am jĂŒdischen Volk detaillierter zu planen. Doch schon 1940, also ein Jahr vor der Professionalisierung der Vernichtung der europĂ€ischen Juden, gab Himmler von Berlin aus den Befehl zum Bau eines Konzentrationslagers in Oswiecim, damals Auschwitz genannt.

Von dieser gebeutelten, bedeutsamen, berĂŒchtigten Stadt aus treten wir also heute die ungefĂ€hr siebenstĂŒndige Fahrt nach Oswiecim an, das im SĂŒd-Westen des heutigen Polen liegt. Einige der Teilnehmer kannten sich schon, sodass immer wieder freudige Wiedersehensrufe zu hören sind. Aber obwohl viele sich noch nicht kennen, ist gleich eine gewisse Vertrautheit zu spĂŒren: Mit diesen Menschen werden wir also nicht nur viele Stunden in einem engen GefĂ€hrt verbringen, sondern auch diesen emotionalen Besuch in Auschwitz teilen. Gespannt und vielleicht auch etwas angespannt besteigen wir unseren Reisebus.

Auf dem Weg. Auf der langen Fahrt kehrt jedoch kaum Langeweile ein. Nachdem unser Busfahrer Jakob uns herzlich begrĂŒĂŸt hat, sind im ganzen Bus fröhliche GesprĂ€che zu hören: Freunde tauschen sich aus und neue Bekanntschaften werden geschlossen, wĂ€hrend wir uns durch den Berliner Straßenverkehr wĂŒhlen. Schließlich lassen wir die Stadt hinter uns und fahren auf der Autobahn gen Polen. Irgendwann nimmt ein Teilnehmer die Gitarre in die Hand und beginnt, Lobpreislieder zu spielen, worin manch einer einstimmt, wĂ€hrend andere sich weiter unterhalten. Nach ungefĂ€hr zwei Stunden Fahrt holpern wir ĂŒber die polnische Grenze. Mein erster Eindruck von diesem fĂŒr mich neuen Land ist, dass der Straßenbau hier wohl etwas vernachlĂ€ssigt wird. Doch bald fĂ€hrt unser Bus wieder ĂŒber ebene Straßen und das GefĂŒhl, auf einem Schiff nach Polen zu fahren, lĂ€sst nach. In den folgenden Stunden geben uns zwei Pausen die Gelegenheit, polnische Luft zu schnuppern, uns etwas die Beine zu vertreten und uns zu stĂ€rken. Als der Abend weiter fortschreitet, werden die GesprĂ€che teilweise etwas ernster, denn wir kommen unserem Ziel immer nĂ€her. Schließlich schauen wir gemeinsam den Film „Zug des Lebens“ an, eine etwas komödienhafte Alternativgeschichte zu der RealitĂ€t des Holocaust. So werden wir auf humorvolle und dennoch schonungslos ehrliche Art in das Thema eingefĂŒhrt, wegen dem wir uns auf den langen Weg gemacht haben. Es kehrt eine merklich nachdenkliche Stimmung nach diesem Film ein: Manch einer ist in stille Gedanken vertieft, andere sprechen betroffener ĂŒber das Ziel der Reise.

Schließlich erreichen wir, nun wieder wach, gegen 23.30 Uhr endlich Oswiecim. Wir fahren durch die Tore des Zentrums fĂŒr Dialog und Gebet, das 1992 von der katholischen Kirche als ein Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte des Holocaust gegrĂŒndet wurde. Gegen Mitternacht haben wir alle unsere Zimmer bezogen, mĂŒde von der langen Reise und gespannt auf den nĂ€chsten Tag, an dem wir Auschwitz besichtigen werden.

Vorbereitung. Wie beginnt man einen Tag, an dem man eine ehemalige Folter- und Tötungsmaschinerie besichtigen möchte? Als ein Mensch, der im friedlichen Deutschland wohnt und weder Rassismus, Folter noch Krieg (zumindest nicht in den Ausmaßen wie damals) aus eigener Erfahrung kennt? Wie bereitet man sich auf eine solche Besichtigung vor?

Schon vor dem FrĂŒhstĂŒck treffen wir uns als Mitarbeiter, um gemeinsam zu beten – fĂŒr uns als Leiter, fĂŒr die Programmpunkte, fĂŒr die Herzen der Teilnehmer. Es liegt eine merkwĂŒrdige AtmosphĂ€re in der Luft: Zum einen genießen wir die Gemeinschaft und sind froh, dass unsere mĂŒhevollen Planungen eine so gesegnete Umsetzung finden. Aber wir wissen auch (manche von uns schon von vorhergehenden Besuchen in Auschwitz), dass wir als Gruppe heute etwas unvergleichlich Schreckliches sehen werden.

Genau diese ZwiespĂ€ltigkeit ist auch wĂ€hrend der Andacht zu spĂŒren, zu der sich die ganze Gruppe nach dem FrĂŒhstĂŒck zusammenfindet. Wladimir Pikman begleitet die Gruppe geistlich und bereitet uns nun auf den Besuch der GedenkstĂ€tte vor, der fĂŒr die meisten (mich eingeschlossen) der erste sein wird. Er betont, wie bedeutsam Auschwitz fĂŒr das jĂŒdische Volk sei: Wegen seiner Ausmaße sei dieses Konzentrationslager zum Symbol fĂŒr den Holocaust selbst und damit bestimmend fĂŒr die heutige jĂŒdische IdentitĂ€t geworden. Wenn man also Juden verstehen wolle, mĂŒssen man Auschwitz kennen. Sehr bewegend ist die anschließende Zeugnisrunde: Valentina, Dima und Evgeni berichten, wie es ihnen bei ihrem ersten Besuch in Auschwitz ergangen ist und wie sie emotional mit dem Gesehenen umgegangen sind. Valentina erzĂ€hlt, wie sie bei dem Besuch der GedenkstĂ€tte selbst die Dinge eher neutral betrachtet und die Informationen mit einer emotionalen Distanz zur Kenntnis genommen habe. Erst als sie zurĂŒck in Berlin einige Tage spĂ€ter auf Stolpersteine in ihrer Nachbarschaft gestoßen sei, habe sie das Gesehene mit den Menschenleben verknĂŒpft, die in Auschwitz und an so vielen anderen Orten wĂ€hrend des Holocausts eine so furchtbare Wendung erfahren hatten. Sie und die anderen beiden Mitarbeiter machen uns deshalb Mut, keine bestimmte Reaktion zu erwarten, sondern möglichst unvoreingenommen die GedenkstĂ€tte zu betreten und die Dinge auf uns wirken zu lassen.

Schließlich kommen wir am Zentrum der GedenkstĂ€tte Auschwitz an. Hier war damals das Stammlager des Konzentrationslagers, hier hat alles angefangen. Bevor wir aus dem Bus aussteigen, fĂŒhrt uns Dima in einige Verse aus dem Buch der Klagelieder ein. Er erklĂ€rt, wie sich das Volk Israel zur Zeit des Propheten Jeremia in einer Ă€hnlich ausweglosen Situation wiederfand wie zur Zeit des Holocaust. Die Worte, die er aus Klagelieder 3,1-24 vorlesen lĂ€sst, drĂŒcken tiefste Verzweiflung und Angst aus, finden aber ihren Höhepunkt nicht etwa in resignierter Hoffnungslosigkeit, sondern in den Worten: Dennoch will ich mir dies zu Herzen nehmen, das will ich hoffen: Die Gnade des HERRN nimmt kein Ende! Sein Erbarmen hört nie auf, jeden Morgen ist es neu. Groß ist seine Treue. (Klagelieder 3,21-23) Mit dieser großen Zusage steigen wir aus dem Bus und betreten die GedenkstĂ€tte des ehemaligen KZ Auschwitz.

Das Stammlager Auschwitz. Tja, und nun… Wie schreibt man ĂŒber etwas, das man weder mit seinem Verstand erfassen noch in seinen Ausmaßen ĂŒberhaupt aushalten kann? Valentina, mit der ich mir wĂ€hrend dieser Reise ein Zimmer teile, gibt mir am Abend nach dem Besuch in der GedenkstĂ€tte die Erkenntnis weiter, dass man nach Auschwitz wohl nicht mehr derselbe ist. Als sie mir das sagt, weiß ich, dass sie recht hat und sie das in Worte fasst, wofĂŒr mir noch der rechte Ausdruck fehlt. Aber was das, was ich zu sehen bekommen werde, mit mir machen wird, kann ich noch nicht erahnen, als wir die Sicherheitskontrolle der GedenkstĂ€tte passieren. Anschließend werden wir mit Headsets ausgestattet, damit wir unsere Guides besser hören können. Dann werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und es geht los.

Wir betreten das GelĂ€nde des ehemaligen Konzentrationslagers. Und zwar genauso wie die unzĂ€hligen HĂ€ftlinge vor ĂŒber 70 Jahren: durch das Tor. Das berĂŒchtigte Tor auf dem der Satz steht „Arbeit macht frei“. Was fĂŒr eine gehĂ€ssige BegrĂŒĂŸung in einer solchen Folteranstalt, in der die meisten die Arbeit nicht mal ĂŒberlebten. Mein Blick fĂ€llt sofort auf den Platz hinter dem Tor, wo die HĂ€ftlinge jeden Morgen Spalier stehen mussten, und von dort aus auf die zahlreichen GebĂ€ude. „Es ist alles noch da!“, ist alles, was ich in dem Moment wirklich denken kann. Ich habe zuvor nur die GedenkstĂ€tte von Bergen-Belsen besucht, wo im Grunde nur noch die Schatten der Überreste des Konzentrationslagers zu finden sind, und das Holocaust-Museum Yad Vashem in Israel. Aber nichts, was man von Bildern, aus dem Internet oder ErzĂ€hlungen kennt, reicht an die Erfahrung heran, den originalen Ort zu sehen: In Auschwitz ist fast alles noch so erhalten, wie es damals war.

Und so geht unsere FĂŒhrung durch das Stammlager von Auschwitz durch die GebĂ€ude der ehemaligen polnischen Kaserne, die damals umfunktioniert wurde in UnterkĂŒnfte fĂŒr die HĂ€ftlinge, in denen sie zu hunderten auf dem Boden schlafen mussten. Heute sind in manchen dieser GebĂ€ude Ausstellungen. Und so sehen wir die ĂŒbrig gebliebenen Habseligkeiten von ĂŒber einer Million Menschen, die dachten, Auschwitz sei bloß eine Durchgangsstation, und die deshalb alles, was ihnen wichtig und wertvoll war, mitgenommen hatten. Wir sehen eine unbeschreibliche Menge an Zöpfen, die den Frauen abgeschnitten und zu Filzstoffen verarbeitet wurden, die dann fĂŒr ein paar Pfennig verkauft werden sollten. Wir sehen die zahllosen Bilder, die von den HĂ€ftlingen gemacht wurden – MĂ€nner, Frauen, Kinder. Wir sehen die GebĂ€ude, in denen an MĂ€nnern und Frauen experimentiert wurde, um eine effektive Art der Sterilisation zu finden, damit so ganze Völker ausgerottet werden könnten. Wir sehen die Mauer, an der Exekutionen durchgefĂŒhrt wurden, und die GefĂ€ngniszellen, in denen die Menschen wortwörtlich zum Verhungern eingesperrt wurden, wo sie nachts stundenlang mit Sauerstoffmangel zu mehreren stehen mussten, wo der Wahnsinn nicht weit war und die HĂ€ftlinge reihenweise starben. Vorbei an den Galgen, an denen Leichen manchmal tagelang zur EinschĂŒchterung der HĂ€ftlinge hingen, fĂŒhrt unser Guide uns schließlich zur Gaskammer vom Stammlager, an das direkt der Trakt mit den Verbrennungsöfen angeschlossen ist. Wir stehen in der Halle, in der die Menschen eine Dusche erwarteten und stattdessen mit Zyklon B vergast wurden, als unser Guide uns die Folgen der Vergiftung durch dieses furchtbare Mittel erklĂ€rt. Wir betreten den Durchgang und sehen die Verbrennungsöfen, in denen in einer Massenabfertigung die Leichname eingeĂ€schert wurden. An diesem Punkt bin ich kurz davor, mich zu ĂŒbergeben. Immer noch ĂŒberwĂ€ltigt davon, dass Auschwitz plötzlich vom bloßen Inhalt meines Geschichtsunterrichts und den ErzĂ€hlungen in der Familie zu brutaler RealitĂ€t wird, bin ich ĂŒberflutet von den EindrĂŒcken und Informationen, von der Trauer um all die Menschen und kann gleichzeitig so viel Hass, Gewalt und Perversion nicht mit meinem Verstand erfassen.

Dankbar fĂŒr die kleine Pause, die wir haben, bevor wir weiterfahren, stolpere ich mit meiner Gruppe ĂŒber den steinigen Weg zurĂŒck zum Eingang. Kaum jemand von uns redet mehr als notwendig. Wir haben nur kurz Zeit zum Verschnaufen. Denn das Stammlager ist nur der Anfang. Von hier aus expandierte das KZ ĂŒber den ganzen Ort Oswiecim und es wurden im Laufe weniger Monate zwei weitere Lager gegrĂŒndet: Das Arbeitslager Monowitz (ab 1942) und das Vernichtungslager Birkenau (ab Oktober 1941). WĂ€hrend Monowitz nicht zu besichtigen ist, wurde in Birkenau ebenfalls eine Gedenk- und TrauerstĂ€tte errichtet. Diese soll unsere nĂ€chste Station sein.

Das Vernichtungslager Birkenau. Von dem Parkplatz, der zur GedenkstĂ€tte Birkenau gehört, laufen wir an der kleinen Straße einige hundert Meter zum ehemaligen Vernichtungslager. Wir kommen direkt auf das berĂŒhmte Torhaus mit dem großen Eisentor zu, durch das sich die Schienen fĂŒr die damaligen GĂŒterzĂŒge bis heute schlĂ€ngeln. Wir folgen den Schienen und kommen zur sogenannten Judenrampe. Hier hielten die GĂŒterzĂŒge, bis an den Rand gefĂŒllt mit Deportierten, an und die Menschen wurden selektiert: die einen in den Teil mit den Holzbaracken, die anderen in den Teil mit den Steinbaracken… und die dritte Gruppe, die den weit grĂ¶ĂŸten Teil ausmachte, direkt in den Tod. Heute steht hier einsam ein roter Waggon, der den damaligen nachgebildet ist, auf den weitlĂ€ufigen Schienen, die in Richtung der in den WĂ€ldern verborgenen Vernichtungsanlagen weisen. Vier StĂŒck waren dort gebaut worden, je eine Vergasungshalle mit angeschlossenem Krematorium.

Unser Guide fĂŒhrt uns zu der GedenkstĂ€tte, die zwischen den Überresten dieser vier Todesorte liegt. Dabei laufen wir auf dem Weg links von den Schienen, den die fĂŒr den Tod selektierten Menschen auch gehen mussten. Was fĂŒr ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl in die Fußstapfen derer zu treten, die aus so perversen BeweggrĂŒnden diesen Weg entlang geschickt wurden: zu alt, zu jung, zu krank, zu schwach, zu jĂŒdisch… Hinter der Menge, die diesen Weg gingen, sei ein Wagen des Roten Kreuzes gefahren, so unser Guide. Dieser hĂ€tte die Illusion der Menschen, Birkenau sei eine Durchgangsstation zu ihrem neuen Leben im Osten und sie wĂŒrden hier nur aufgepeppelt werden, aufrechterhalten sollen.

An der GedenkstĂ€tte reiht sich eine Mahntafel an die andere. In verschiedensten Sprachen steht hier: „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit“. Aufschreien möchte ich tatsĂ€chlich, als ich so ohnmĂ€chtig den Berichten ĂŒber das lausche, was hier vorgefallen ist. Menschen waren die Urheber dieser Grausamkeit, Menschen waren ihre Opfer. Menschen wie ich. Was macht dieser Gedanke mit einem?

Nach einem Moment an diesem Gedenkort gehen wir weiter zu den Überresten der Todesanlage Nummer Drei, die die Nazis kurz vor ihrer Flucht gesprengt haben – die Rote Armee rĂŒckte unablĂ€ssig nĂ€her und so haben sie beschlossen, möglichst viele HĂ€ftlinge auf den gefĂŒrchteten TodesmĂ€rschen ins Inland zu bringen und die Beweise fĂŒr den Holocaust zu vernichten. Drei Vernichtungsanlagen sind so gesprengt worden. Eine war schon vorher von einer mutigen Gruppe der HĂ€ftlinge zerstört worden. FĂŒr die wenigen Nazis, die bei diesem Attentat ihr Leben ließen, wurden fast 500 HĂ€ftlinge ermordet.

Noch einmal möchte ich aufschreien, als unser Guide uns erzĂ€hlt, dass rund um dieses Krematorium herum die sogenannten Aschefelder liegen – nicht nur habe sich die Asche der unzĂ€hlige Verbrannten durch die Schornsteine einen Weg in die Luft und damit auf das GelĂ€nde gebahnt, wo sie den HĂ€ftlingen das Gesicht bedeckte. Sondern die Überreste seien einfach auf den Wiesen um die Anlagen oder in einem in der NĂ€he befindlichen See verstreut worden. Bis heute seien hier zahlreiche Knochenreste zu finden.

Betreten gehen wir zurĂŒck Richtung Eingang, links von uns hinter Stacheldraht die Holzbaracken, rechts die Steinbaracken, vorbei am roten Waggon. ZurĂŒck auf dem Weg, den all die Opfer nicht mehr gehen konnten. Kann man stellvertretend fĂŒr die unzĂ€hligen Opfer diesen Ort verlassen und das unfassbare Leid so irgendwie minimieren? Es ist wahrscheinlich ein naiver Gedanke, und doch tut es gut, dem Tod den RĂŒcken zu kehren und dabei die Opfer im Herzen zu tragen.

Kurz vor dem Eingang biegen wir nach links ein in das Gebiet mit den hunderten Holzbaracken und betreten nacheinander zwei dieser GebĂ€ude, die von ihrer Konzeption her eigentlich als PferdestĂ€lle gedacht waren. Die erste Baracke, die wir besichtigen, ist vollgestellt mit etwas, das wohl mehrstöckige Betten gewesen sein sollen. In meinen Augen sieht es eher aus wie eine heruntergekommene Lagerhalle. Der Guide erzĂ€hlt uns hier von den Menschen, die an den unmenschlichen Bedingungen im Lager starben, von den grassierenden Krankheiten, die epidemieartig um sich griffen und sogar auf das Personal im Lager und deren Familien ĂŒbergingen, und von dem Ungeziefer, das sich nachts an den gerade Verstorbenen zu schaffen machte. In der zweiten Baracke steht etwas, das aussieht wie zwei lange BĂ€nke aus Beton mit großen Löchern darin. Ich verstehe zuerst nicht, worum es sich hier handeln soll, bis uns gesagt wird, dies seien die Toiletten fĂŒr die HĂ€ftlinge gewesen. Zwei Mal am Tag hĂ€tten sie hier auf Kommando ihre Notdurft verrichten dĂŒrfen. Wem das nicht ausgereicht habe, der habe halt Pech gehabt. Jeden Tag sei eine Gruppe von HĂ€ftlingen ausgewĂ€hlt worden, die alles reinigen musste. Unvorstellbare ZustĂ€nde fĂŒr jemanden, der im heutigen Deutschland groß wurde mit all den Hygienevorschriften und anderen SelbstverstĂ€ndlichkeiten.

Nach der Besichtigung dieser Baracke entlĂ€sst uns unser Guide, nachdem sie noch von der Befreiung des Konzentrationslagers erzĂ€hlt hat: Die Rote Armee sei mehr zufĂ€llig ĂŒber Auschwitz gestolpert. Die Lagerkommandos hĂ€tten kurz zuvor ca. 60.000 der HĂ€ftlinge in TodesmĂ€rschen ins Landesinnere verfrachtet, wĂ€hrend nur an die 7.500 Menschen in Auschwitz zurĂŒckgelassen worden seien. Viele Hundert seien an den Folgen ihres Zustandes in den Tagen nach der Befreiung noch verstorben.

Fassungslos und ĂŒberfordert beschreibt wohl am besten den Zustand, in dem wir uns nun nach der FĂŒhrung durch die beiden GedenkstĂ€tten befinden. Wir sammeln uns als Gruppe auf dem GrundstĂŒck von Birkenau kurz vor dem Ausgang. Es wird immer kĂ€lter und wir beginnen zu frieren, obwohl wir Winterkleidung tragen. Die Sonne geht langsam unter und der Himmel ist in wunderschöne Pastellfarben getaucht. Ich lasse meinen Blick ĂŒber das GelĂ€nde von Birkenau streifen. Alles wirkt plötzlich so seltsam ruhig. Evgeni blĂ€st das Schofar und der ersehnte Klang durchbricht die Stille. Dieser Klang, der fĂŒr uns nicht nur die Wiederkunft unseres Messias symbolisiert, sondern auch die Auferstehung unserer Toten. Dann beginnt der Kantor der Berliner Gemeinde, das Kaddish fĂŒr die Leidtragenden zu singen. Ein trauriger Friede kehrt in unsere Gruppe ein, als wir all die Toten, all diejenigen, die hier gelitten haben, und unsere Ohnmacht in die HĂ€nde unseres allmĂ€chtigen Gottes legen. Und so machen wir uns nach einem langen Tag auf den Heimweg.

Der Abend danach. Etwas verspĂ€tet lĂ€uten wir schließlich gemeinsam den Schabbat ein. Ein Ehepaar aus unserer Gruppe spricht die Segen und gemeinsam stoßen wir mit einem schallenden LeChaim an – auf das Leben. Das ist wohl etwas, was das jĂŒdische Volk in seiner jahrtausendealten Geschichte gelernt hat: Im Angesicht des Leidens, des Todes und der Ungewissheit dennoch das Leben zu feiern. Genau das versuchen wir an diesem Abend auch. Trotz des Erlebten ist der Raum beim Abendessen erfĂŒllt von GesprĂ€ch, einem Lachen hier und da und einfach wohltuender Gemeinschaft.

Doch so abrupt wollen wir den Abend noch nicht beenden und so treffen wir uns noch zu einer Zeit des Austauschs. Zuerst setzen wir uns in kleinen Gruppen zusammen und nachdem die erste bedrĂŒckte Stille durchbrochen ist, merken wir alle, wie gut es tut, ĂŒber das Gesehene, Gehörte und GefĂŒhlte zu reden. SpĂ€testens an dieser Stelle verstehe ich, was fĂŒr ein Segen es ist, mit Glaubensgeschwistern eine solche Reise zu teilen. Ganz ehrlich können wir voreinander unsere Gedanken aussprechen, uns gegenseitig aber auch im Glauben stĂ€rken. Wir bemerken gar nicht, wie schnell die Zeit wĂ€hrend unseres ErzĂ€hlens und Fragens vergeht, aber nach einer Stunde setzen wir uns als ganze Gruppe noch einmal zusammen und tauschen uns unter der Anleitung von Wladimir ĂŒber das Erfahrene aus. Bei der Frage, was wir Neues ĂŒber Gott gelernt hĂ€tten, teilt Evgeni mit uns, dass er spĂŒren konnte, wie Gott an diesem Ort geweint hĂ€tte und sein Herz gebrochen sei. Jeschua, der Messias, habe bei dem Geschehen nicht nur Mitleid gehabt, er habe selbst mit seinem Volk mitgelitten. Eine Teilnehmerin hat einige Verse von dem Propheten Hesekiel auf dem Herzen: Sie liest aus Kapitel 37, in dem Hesekiel in einer Vision vor einem Feld von Knochen steht. Der Prophet soll fĂŒr Gott ĂŒber diese Knochen, die das Volk Israel symbolisieren, weissagen. Bei seinen Worten richten sich die Knochen auf, werden von Fleisch und Sehnen umhĂŒllt und wieder zu lebendigen Menschen. Schließlich spricht Gott selbst und sagt: „Seht, ich öffne eure GrĂ€ber; ich lasse euch als mein Volk aus euren GrĂ€bern steigen und bringe euch nach Israel zurĂŒck. Und wenn ich eure GrĂ€ber öffne und euch als mein Volk aus euren GrĂ€bern steigen lasse, dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin. Ich gebe euch meinen Geist, damit ihr lebt, und ich bringe euch in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich, der HERR, es angekĂŒndigt und auch ausgefĂŒhrt habe. Ich, der HERR, habe gesprochen!“ (Hes 37,12-14)

Nach diesen mĂ€chtigen Worten wird uns klar: Das Böse hat nicht gesiegt. Aus der Asche des Holocaust ist neues Leben hervorgegangen. Das Volk Israel lebt. Es ist wieder in seinem Land und wir feiern als eine Gruppe aus messianischen Juden und nichtjĂŒdischen Christen gemeinsam in Auschwitz Gemeinschaft und Gottesdienst. Gott hat aus dem furchtbarsten Leid etwas ganz Neues entstehen lassen.

Krakau. Unseren zweiten Tag in Oswiecim beginnen wir mit einem gemeinsamen Schabbat-Gottesdienst. Nach einem bewegenden Lobpreis werden wir von dem Kantor der Berliner Gemeinde im Morgengebet angeleitet. In der Andacht zeichnet Wladimir uns ein Bild der Liebe Jeschuas zu seinem Volk. Als Jeschua wenige Tage vor dem Beginn seiner Passion auf Jerusalem blickte und weinte (Lk 19,41ff.), habe er nicht nur die Zerstörung Jerusalems, sondern auch alles weitere gesehen, was geschehen wĂŒrde – auch Auschwitz. Jeschua zeige hier sein Herz und darin seine tiefe Liebe zum jĂŒdischen Volk. Verstehe man an dieser Stelle die Trauer Jeschuas um sein Volk nicht, könne man ihn selbst nie ganz verstehen. Ebenso habe der Apostel Paulus fast körperliche Schmerzen durch die Trauer um sein Volk erlitten (Röm 9,1-5), weil es zu einem Großteil Jeschua noch nicht erkannt hatte. Die Liebe zum jĂŒdischen Volk und der Dienst unter Juden seien wichtige Bestandteile des Lebens eines Menschen, der das Evangelium erfahren habe: Von den Juden sei das Evangelium in die Welt hinausgegangen – nun mĂŒsse Jeschua wieder seinem Volk verkĂŒndigt werden.

Nach diesem bewegenden Gottesdienst machen wir uns auf den Weg nach Krakau: Hier erwartet uns eine FĂŒhrung durch das alte jĂŒdische Viertel Kazimierz. Unser Guide fĂŒhrt uns vorbei am WawelhĂŒgel mit seinen beeindruckenden Mauern und dem feuerspeienden Drachen ĂŒber die Weichsel nach Kazimierz. Wir sehen verschiedenste Kirchen und öffentliche PlĂ€tze und in einem Hinterhof erkennen wir sogar den Drehort von „Schindlers Liste“ wieder. Vorbei an verschiedenen ehemaligen und noch genutzten Synagogen geht es weiter zu einem großen Platz, an dem es zahlreiche jĂŒdische LĂ€den und Restaurants gibt. Von hier aus laufen wir in die Altstadt und erkunden den großen Marktplatz, wo uns verschiedenste SehenswĂŒrdigkeiten gezeigt werden. Nach einer kleinen Verschnaufpause in einem Krakauer CafĂ© bringt uns unser Guide wohlbehalten zum Bus und wir brechen schließlich wieder Richtung Oswiecim auf. Die Besichtigung von Krakau war spannend und eine angenehme Pause zu dem schweren Thema, mit dem wir uns beschĂ€ftigen. Doch unser Tag ist damit noch nicht abgeschlossen.

Fountain of Tears. Nach einem schnellen Abendessen im Zentrum fĂŒr Dialog und Gebet machen wir uns schon wieder auf den Weg: Wir haben eine FĂŒhrung durch ein Kunstwerk namens Fountain of Tears. Der KĂŒnstler heißt Rick Wienecke und bekehrte sich in den ÂŽ70er Jahren in Israel. Seitdem wohnt er dort und gestaltete eine Reihe von Skulpturen, u.a. sein wohl grĂ¶ĂŸtes Werk namens Fountain of Tears: Es besteht aus lebensgroßen Skulpturen, die eine Art Dialog zwischen dem Holocaust und dem Kreuzesgeschehen darstellen. Seit vielen Jahren ist das Projekt in Arad, Israel ansĂ€ssig. Eine Freundin von Rick Wienecke nimmt uns in Empfang. Sie erzĂ€hlt uns, wie lange es gedauert habe, bis Rick sein Vorhaben, die Skulpturen auch in der NĂ€he der GedenkstĂ€tte Auschwitz auszustellen, verwirklichen konnte. Seit April 2019 ist das Projekt nun auch in Oswiecim zu besichtigen, wenn auch mit mancher kleinen VerĂ€nderung, die der KĂŒnstler auf der dazugehörigen Website erklĂ€rt.

Sie fĂŒhrt uns zuerst durch die Hallway of Questions, in der das Ringen des KĂŒnstlers mit Gott dargestellt wird: Wie soll er als Nicht-Jude das Leid des Holocaust darstellen können? Der Gang endet mit der ĂŒberwĂ€ltigenden Zusage, dass Gott sich an jedes einzelne Opfer erinnert. Der Besucher wird von dort aus zu einer Skulptur von Jeschua gefĂŒhrt, wie er kurz vor seiner Passion im Garten Gethsemani Gott anfleht, den Kelch an ihm vorĂŒbergehen zu lassen. Er krĂŒmmt sich auf einem Berg aus kleineren und grĂ¶ĂŸeren Felsbrocken, die, wie uns erklĂ€rt wird, die Opfer des Holocaust darstellen. Hinter dem leidenden Messias ragt eine Wand mit Bildern aus dem Holocaust auf. Hier wird das Anliegen des Kunstwerks deutlich: Es geht, wie Rick Wienecke selbst auf seiner Website zu verstehen gibt, um einen Dialog zwischen dem Leid, das Jeschua am Kreuz ertrug, und seinem im Holocaust leidenden Volk. Von hier aus gelangt man zu dem eigentlichen Werk: Die Fountain of Tears ist eine Wand aus Jerusalemstein. Sie besteht aus sieben Abschnitten, die je eines der sieben Worte Jeschuas am Kreuz behandeln. Doch wird hier nicht bloß der Gekreuzigte dargestellt, der auf besondere Weise aus der Wand herausgearbeitet ist. Sondern ihm gegenĂŒber ist je die Skulptur eines Holocaust-Überlebenden. WĂ€hrend die beiden einander zugewandt sind und miteinander im Dialog zu sein scheinen, laufen an den SteinsĂ€ulen, die die sieben Abschnitte voneinander trennen, unablĂ€ssig Wassertropfen herunter – TrĂ€nen. Der Titel Fountain of Tears bezieht sich auf einen Vers aus dem Buch des Propheten Jeremiah: „WĂ€ren meine Augen doch TrĂ€nenquellen! Ich wĂŒrde Tag und Nacht die Toten meines Volkes beweinen.“ (Jer 8,23)

Wir setzen uns vor das Kunstwerk und lassen den Inhalt auf uns wirken. Ein kleiner Film erlĂ€utert uns das Anliegen des KĂŒnstlers etwas genauer. Danach macht sich Stille breit. Als ich dort sitze und sehe, wie Jeschua mit dem Holocaust-Überlebenden leidet, wird mir wie nie zuvor die niemals zu trennende Verbindung zwischen den beiden deutlich. Andreas liest uns den Psalm 22, den der Messias am Kreuz gesprochen hat. Kurz danach steht eine Teilnehmerin auf und betet so mitleidend und liebevoll fĂŒr Israel, dass ich nicht anders kann als zu weinen. Wir gehen weiter zu der nĂ€chsten Skulptur. Sie stellt ein kleines Kind in einem Ofen im Krematorium eines Vernichtungslagers dar. Zusammengekauert, in völliger Resignation sitzt es dort und lehnt sich an die InnentĂŒr des Ofens. Ohne es selbst wahrzunehmen, greift es durch die TĂŒr hindurch nach draußen. Neben seiner Hand sitzt ein Schmetterling zwischen den BlĂ€ttern eines Olivenbaums. Hinter der Skulptur ragt eine Wand auf, die die GrĂŒndung des Staates Israel verkĂŒndet. Aus dem Leiden des Volkes ist eine neue Hoffnung, neues Leben entstanden.

Hinter einer Abtrennung steht die letzte Skulptur der Ausstellung. Aus dem Steinhaufen, auf dem der leidende Jeschua noch zu Beginn des Weges lag, bricht er nun hervor: Der Auferstandene, der noch die Narben seiner Passion trĂ€gt, presst den Holocaust-Überlebenden an seine Brust. Er hĂ€lt ihn ganz fest, wĂ€hrend der Mann sich erleichtert an seinen Messias lehnt. Triumphierend reckt Jeschua den leeren Kelch des Leids, den beide getrunken haben, in die Luft. Der Tod ist besiegt.

ZurĂŒck nach Deutschland. Mit diesem imposanten Bild, das die Beziehung zwischen Jeschua und Israel in einer ganz besonderen Art darstellt, gehen wir in die Nacht hinaus. Wieder im Zentrum fĂŒr Dialog und Gebet angekommen, ziehen sich einige in ihre Zimmer zurĂŒck, andere treffen sich noch in einem Raum, um zu singen und zu beten. Als ich dort sitze und den Menschen lausche, mit denen ich in den letzten Tagen so viel erlebt und geteilt habe, merke ich, wie sehr ich die Gemeinschaft genossen habe und wie viel mir diese gemeinsame Erfahrung bedeutet. Dankbar blicke ich auf jede Minute zurĂŒck, die ich mit diesen besonderen Menschen teilen durfte: jedes GesprĂ€ch, jedes Lied, jedes Gebet und auch jede TrĂ€ne, die wir gemeinsam vergossen haben.

Am nĂ€chsten Morgen brechen wir nach dem FrĂŒhstĂŒck sehr zeitig auf. Nachdem wir unsere Schweizer Freunde verabschiedet haben, besteigen wir wieder unseren Bus und fahren Richtung Berlin. Obwohl wir alle erschöpft sind, herrschen wieder angeregte GesprĂ€che, dieses Mal jedoch viel vertrauter. Nummern werden ausgetauscht und PlĂ€ne fĂŒr ein Wiedersehen geschmiedet, wĂ€hrend weiter hinten erneut Lobpreis angestimmt wird. Wieder legen wir eine lĂ€ngere Pause ein und danach scheinen alle langsam wieder in ihre jeweilige Wirklichkeit zurĂŒckzukehren. Denn genauso kommt es mir vor: Als sei ich in einer anderen Welt gewesen. Was fange ich nun mit all dem an, was ich gesehen und gehört habe in seinen Ausmaßen, die ich niemals hĂ€tte erahnen können? Wie könnte man auch nicht fassungslos sein, wenn man sich diesen Überresten von so viel menschlichem Hass, unermesslichem Leid, tiefster Verzweiflung und Angst stellt? Was könnte das Ziel einer Reise an diesen Ort sein, der einen mit Fragen statt Antworten, mit UnverstĂ€ndnis statt Wissen, wahrscheinlich sogar mit Zweifeln und Trauer zurĂŒcklĂ€sst?

Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung an die weit ĂŒber eine Million Menschen, die hier in Auschwitz ihr Leben ließen, und an die weiteren fĂŒnf Millionen Juden, die an den vielen anderen Orten im Holocaust sterben mussten. Die Erinnerung an TĂ€ter und Opfer, Unrecht und Hoffnung, die einen Menschen nicht unverĂ€ndert lassen kann, zu bewahren in einer Gesellschaft, in der der Antisemitismus, der wohl nie ganz dieses geschichtstrĂ€chtige und schicksalsbestimmende Land namens Deutschland verlassen hat, neu aufflammt und sich in neue GewĂ€nder kleidet.

Was nehme ich also fĂŒr mich mit von meinem ersten Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz? Dass das Böse nicht gesiegt hat. Dass das Böse niemals siegen wird. Dass nach Auschwitz so viele Wunder geschehen sind, dass Israel lebt und wieder in seinem Land ist, ist fĂŒr mich dafĂŒr Beweis genug. Und so versuche ich nun, wieder in meinen Alltag als Theologiestudentin hineinzufinden und Gott das Werk in meinem Herzen tun zu lassen, das er aus dieser Erfahrung erwachsen lassen möchte.

NĂ€chstes Jahr in Auschwitz? Als ich diesen Bericht schreibe, kommen mir die Worte, die an den jĂŒdischen Gruß zu Feiertagen erinnern: NĂ€chstes Jahr in Jerusalem. Man möchte es kaum aussprechen und irgendwie bleiben einem die Worte im Halse stecken. Aber es sind fĂŒr mich auch Worte der Hoffnung. Als Komitee planen wir eine neue Reise gegen das Vergessen fĂŒr das Jahr 2020, weil wir verstanden haben, dass ErzĂ€hlungen, Bilder und Internet-Posts eben nicht ausreichen. Manches muss man selbst erlebt, selbst gesehen, selbst betrauert haben. Wir werden nĂ€chstes Jahr zurĂŒckkehren an diesen Ort, der gebunden ist an seine schreckenerregende Vergangenheit. Diesen Ort der Erinnerung an das nicht zu ermessende Leid, das hier stattfand. Diesen Ort des Gedenkens an die vielen Menschen, die hier litten und starben. Diesen Ort des Gebets, wo der Schrei nach Gott fĂŒr immer gen Himmel steigt. Diesen Ort, aus dessen Asche sich der Staat Israel erhob und der deshalb fĂŒr immer zu einem Zeichen der unzerstörbaren Hoffnung geworden ist. An diesen Ort, an dem wir gemeinsam, Juden und Nicht-Juden, gegen das Vergessen einstehen.

 

Kristina Stegemann