Auschwitz – ein Erfahrungsbericht

Ein Erfahrungsbericht über die Reise nach Auschwitz (31.10. – 3.11.2019) von Kristina Stegemann

Gemeinsam nach Auschwitz – eine neue Generation gegen das Vergessen

Endlich ist es so weit: Nach Monaten des Planens, Organisierens und Betens soll nun endlich die Reise zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz starten, die von Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst angeboten wird. Als Komitee, das diese Reise organisieren durfte, haben wir sehr viel Zeit in die Vorbereitung dieses Projektes gesteckt und freuen uns nun darauf, dass es endlich Realität werden soll. Wir sind eine bunte kleine Gruppe, die sich da vor knapp einem Jahr für diesen Zweck zusammengefunden hat: Wladimir Pikman als Leiter von Beit Sar Shalom, Dima und Evgeni, die beide Leiter von messianischen Gemeinden sind, Andreas als Israel-Freund und Leiter von Reisegruppen im Heiligen Land, Valentina als ehemalige Mitarbeiterin des Evangeliumsdienstes, die dieses Projekt ins Leben gerufen hat, und ich als neugierige Theologiestudentin. Uns allen war von Anfang an klar, wie bedeutsam ein solches Projekt ist: Als messianische Juden und nicht-jüdische Christen, die in Deutschland leben, liegt es uns allen am Herzen, eine Reise zum ehemaligen KZ Auschwitz für junge Erwachsene anzubieten, um dem wieder aufflammenden Antisemitismus in Deutschland, der sich in so viele zynische, politische und religiöse Gewänder kleidet, entgegenzutreten. Eine neue Generation gegen das Vergessen – das ist das Motto, unter dem wir diese Reise antreten. Und so kommt schließlich eine noch buntere Gruppe von 33 Menschen zusammen, denen genau diese Sache am Herzen liegt: junge Erwachsene und erfahrene Gemeindeleiter, Juden und Nicht-Juden, messianische und christliche Gläubige aus ganz Deutschland und der Schweiz mit dem Wunsch, sich der Geschichte zu stellen, die gemessen an der Welt noch viel zu jung ist, um vergessen und verdrängt zu werden. Diese Geschichte, die bei weitem nicht nur Deutschland und Israel betrifft, sondern mindestens geistlich irgendwie bis heute Auswirkungen auf die ganze Welt hat.

Unsere Reise beginnt ironischerweise am 31. Oktober 2019, dem Gedenktag für die Reformation, dessen Initiator sich tragischerweise in seinen letzten Lebensjahren so radikal gegen Juden wandte. An diesem Donnerstag kommen wir als Juden und Nichtjuden zusammen, doch noch bedeutsamer scheint der Startpunkt unserer Reise zu sein: Berlin ist wohl der geschichtsträchtigste Ort Deutschlands, wenn es um jüdisches Leben in diesem Land geht. Und nicht nur hat hier Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst seit 24 Jahren seinen Sitz, von dem ausgehend das Evangelium jüdischen und nicht-jüdischen Menschen in ganz Deutschland gebracht wird. Sondern hier wurde auch der Holocaust initiiert und die Idee für Auschwitz ins Leben gerufen. 1941 wurde hier in Berlin die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ zur organisierten Profession erklärt und Himmler zum Leiter dieses nun offiziellen Arbeitszweigs des nationalsozialistischen Apparats ernannt. Ein Jahr später fand hier in Berlin die berüchtigte Wannsee-Konferenz statt, um den Holocaust am jüdischen Volk detaillierter zu planen. Doch schon 1940, also ein Jahr vor der Professionalisierung der Vernichtung der europäischen Juden, gab Himmler von Berlin aus den Befehl zum Bau eines Konzentrationslagers in Oswiecim, damals Auschwitz genannt.

Von dieser gebeutelten, bedeutsamen, berüchtigten Stadt aus treten wir also heute die ungefähr siebenstündige Fahrt nach Oswiecim an, das im Süd-Westen des heutigen Polen liegt. Einige der Teilnehmer kannten sich schon, sodass immer wieder freudige Wiedersehensrufe zu hören sind. Aber obwohl viele sich noch nicht kennen, ist gleich eine gewisse Vertrautheit zu spüren: Mit diesen Menschen werden wir also nicht nur viele Stunden in einem engen Gefährt verbringen, sondern auch diesen emotionalen Besuch in Auschwitz teilen. Gespannt und vielleicht auch etwas angespannt besteigen wir unseren Reisebus.

Auf dem Weg. Auf der langen Fahrt kehrt jedoch kaum Langeweile ein. Nachdem unser Busfahrer Jakob uns herzlich begrüßt hat, sind im ganzen Bus fröhliche Gespräche zu hören: Freunde tauschen sich aus und neue Bekanntschaften werden geschlossen, während wir uns durch den Berliner Straßenverkehr wühlen. Schließlich lassen wir die Stadt hinter uns und fahren auf der Autobahn gen Polen. Irgendwann nimmt ein Teilnehmer die Gitarre in die Hand und beginnt, Lobpreislieder zu spielen, worin manch einer einstimmt, während andere sich weiter unterhalten. Nach ungefähr zwei Stunden Fahrt holpern wir über die polnische Grenze. Mein erster Eindruck von diesem für mich neuen Land ist, dass der Straßenbau hier wohl etwas vernachlässigt wird. Doch bald fährt unser Bus wieder über ebene Straßen und das Gefühl, auf einem Schiff nach Polen zu fahren, lässt nach. In den folgenden Stunden geben uns zwei Pausen die Gelegenheit, polnische Luft zu schnuppern, uns etwas die Beine zu vertreten und uns zu stärken. Als der Abend weiter fortschreitet, werden die Gespräche teilweise etwas ernster, denn wir kommen unserem Ziel immer näher. Schließlich schauen wir gemeinsam den Film „Zug des Lebens“ an, eine etwas komödienhafte Alternativgeschichte zu der Realität des Holocaust. So werden wir auf humorvolle und dennoch schonungslos ehrliche Art in das Thema eingeführt, wegen dem wir uns auf den langen Weg gemacht haben. Es kehrt eine merklich nachdenkliche Stimmung nach diesem Film ein: Manch einer ist in stille Gedanken vertieft, andere sprechen betroffener über das Ziel der Reise.

Schließlich erreichen wir, nun wieder wach, gegen 23.30 Uhr endlich Oswiecim. Wir fahren durch die Tore des Zentrums für Dialog und Gebet, das 1992 von der katholischen Kirche als ein Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte des Holocaust gegründet wurde. Gegen Mitternacht haben wir alle unsere Zimmer bezogen, müde von der langen Reise und gespannt auf den nächsten Tag, an dem wir Auschwitz besichtigen werden.

Vorbereitung. Wie beginnt man einen Tag, an dem man eine ehemalige Folter- und Tötungsmaschinerie besichtigen möchte? Als ein Mensch, der im friedlichen Deutschland wohnt und weder Rassismus, Folter noch Krieg (zumindest nicht in den Ausmaßen wie damals) aus eigener Erfahrung kennt? Wie bereitet man sich auf eine solche Besichtigung vor?

Schon vor dem Frühstück treffen wir uns als Mitarbeiter, um gemeinsam zu beten – für uns als Leiter, für die Programmpunkte, für die Herzen der Teilnehmer. Es liegt eine merkwürdige Atmosphäre in der Luft: Zum einen genießen wir die Gemeinschaft und sind froh, dass unsere mühevollen Planungen eine so gesegnete Umsetzung finden. Aber wir wissen auch (manche von uns schon von vorhergehenden Besuchen in Auschwitz), dass wir als Gruppe heute etwas unvergleichlich Schreckliches sehen werden.

Genau diese Zwiespältigkeit ist auch während der Andacht zu spüren, zu der sich die ganze Gruppe nach dem Frühstück zusammenfindet. Wladimir Pikman begleitet die Gruppe geistlich und bereitet uns nun auf den Besuch der Gedenkstätte vor, der für die meisten (mich eingeschlossen) der erste sein wird. Er betont, wie bedeutsam Auschwitz für das jüdische Volk sei: Wegen seiner Ausmaße sei dieses Konzentrationslager zum Symbol für den Holocaust selbst und damit bestimmend für die heutige jüdische Identität geworden. Wenn man also Juden verstehen wolle, müssen man Auschwitz kennen. Sehr bewegend ist die anschließende Zeugnisrunde: Valentina, Dima und Evgeni berichten, wie es ihnen bei ihrem ersten Besuch in Auschwitz ergangen ist und wie sie emotional mit dem Gesehenen umgegangen sind. Valentina erzählt, wie sie bei dem Besuch der Gedenkstätte selbst die Dinge eher neutral betrachtet und die Informationen mit einer emotionalen Distanz zur Kenntnis genommen habe. Erst als sie zurück in Berlin einige Tage später auf Stolpersteine in ihrer Nachbarschaft gestoßen sei, habe sie das Gesehene mit den Menschenleben verknüpft, die in Auschwitz und an so vielen anderen Orten während des Holocausts eine so furchtbare Wendung erfahren hatten. Sie und die anderen beiden Mitarbeiter machen uns deshalb Mut, keine bestimmte Reaktion zu erwarten, sondern möglichst unvoreingenommen die Gedenkstätte zu betreten und die Dinge auf uns wirken zu lassen.

Schließlich kommen wir am Zentrum der Gedenkstätte Auschwitz an. Hier war damals das Stammlager des Konzentrationslagers, hier hat alles angefangen. Bevor wir aus dem Bus aussteigen, führt uns Dima in einige Verse aus dem Buch der Klagelieder ein. Er erklärt, wie sich das Volk Israel zur Zeit des Propheten Jeremia in einer ähnlich ausweglosen Situation wiederfand wie zur Zeit des Holocaust. Die Worte, die er aus Klagelieder 3,1-24 vorlesen lässt, drücken tiefste Verzweiflung und Angst aus, finden aber ihren Höhepunkt nicht etwa in resignierter Hoffnungslosigkeit, sondern in den Worten: Dennoch will ich mir dies zu Herzen nehmen, das will ich hoffen: Die Gnade des HERRN nimmt kein Ende! Sein Erbarmen hört nie auf, jeden Morgen ist es neu. Groß ist seine Treue. (Klagelieder 3,21-23) Mit dieser großen Zusage steigen wir aus dem Bus und betreten die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Auschwitz.

Das Stammlager Auschwitz. Tja, und nun… Wie schreibt man über etwas, das man weder mit seinem Verstand erfassen noch in seinen Ausmaßen überhaupt aushalten kann? Valentina, mit der ich mir während dieser Reise ein Zimmer teile, gibt mir am Abend nach dem Besuch in der Gedenkstätte die Erkenntnis weiter, dass man nach Auschwitz wohl nicht mehr derselbe ist. Als sie mir das sagt, weiß ich, dass sie recht hat und sie das in Worte fasst, wofür mir noch der rechte Ausdruck fehlt. Aber was das, was ich zu sehen bekommen werde, mit mir machen wird, kann ich noch nicht erahnen, als wir die Sicherheitskontrolle der Gedenkstätte passieren. Anschließend werden wir mit Headsets ausgestattet, damit wir unsere Guides besser hören können. Dann werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und es geht los.

Wir betreten das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Und zwar genauso wie die unzähligen Häftlinge vor über 70 Jahren: durch das Tor. Das berüchtigte Tor auf dem der Satz steht „Arbeit macht frei“. Was für eine gehässige Begrüßung in einer solchen Folteranstalt, in der die meisten die Arbeit nicht mal überlebten. Mein Blick fällt sofort auf den Platz hinter dem Tor, wo die Häftlinge jeden Morgen Spalier stehen mussten, und von dort aus auf die zahlreichen Gebäude. „Es ist alles noch da!“, ist alles, was ich in dem Moment wirklich denken kann. Ich habe zuvor nur die Gedenkstätte von Bergen-Belsen besucht, wo im Grunde nur noch die Schatten der Überreste des Konzentrationslagers zu finden sind, und das Holocaust-Museum Yad Vashem in Israel. Aber nichts, was man von Bildern, aus dem Internet oder Erzählungen kennt, reicht an die Erfahrung heran, den originalen Ort zu sehen: In Auschwitz ist fast alles noch so erhalten, wie es damals war.

Und so geht unsere Führung durch das Stammlager von Auschwitz durch die Gebäude der ehemaligen polnischen Kaserne, die damals umfunktioniert wurde in Unterkünfte für die Häftlinge, in denen sie zu hunderten auf dem Boden schlafen mussten. Heute sind in manchen dieser Gebäude Ausstellungen. Und so sehen wir die übrig gebliebenen Habseligkeiten von über einer Million Menschen, die dachten, Auschwitz sei bloß eine Durchgangsstation, und die deshalb alles, was ihnen wichtig und wertvoll war, mitgenommen hatten. Wir sehen eine unbeschreibliche Menge an Zöpfen, die den Frauen abgeschnitten und zu Filzstoffen verarbeitet wurden, die dann für ein paar Pfennig verkauft werden sollten. Wir sehen die zahllosen Bilder, die von den Häftlingen gemacht wurden – Männer, Frauen, Kinder. Wir sehen die Gebäude, in denen an Männern und Frauen experimentiert wurde, um eine effektive Art der Sterilisation zu finden, damit so ganze Völker ausgerottet werden könnten. Wir sehen die Mauer, an der Exekutionen durchgeführt wurden, und die Gefängniszellen, in denen die Menschen wortwörtlich zum Verhungern eingesperrt wurden, wo sie nachts stundenlang mit Sauerstoffmangel zu mehreren stehen mussten, wo der Wahnsinn nicht weit war und die Häftlinge reihenweise starben. Vorbei an den Galgen, an denen Leichen manchmal tagelang zur Einschüchterung der Häftlinge hingen, führt unser Guide uns schließlich zur Gaskammer vom Stammlager, an das direkt der Trakt mit den Verbrennungsöfen angeschlossen ist. Wir stehen in der Halle, in der die Menschen eine Dusche erwarteten und stattdessen mit Zyklon B vergast wurden, als unser Guide uns die Folgen der Vergiftung durch dieses furchtbare Mittel erklärt. Wir betreten den Durchgang und sehen die Verbrennungsöfen, in denen in einer Massenabfertigung die Leichname eingeäschert wurden. An diesem Punkt bin ich kurz davor, mich zu übergeben. Immer noch überwältigt davon, dass Auschwitz plötzlich vom bloßen Inhalt meines Geschichtsunterrichts und den Erzählungen in der Familie zu brutaler Realität wird, bin ich überflutet von den Eindrücken und Informationen, von der Trauer um all die Menschen und kann gleichzeitig so viel Hass, Gewalt und Perversion nicht mit meinem Verstand erfassen.

Dankbar für die kleine Pause, die wir haben, bevor wir weiterfahren, stolpere ich mit meiner Gruppe über den steinigen Weg zurück zum Eingang. Kaum jemand von uns redet mehr als notwendig. Wir haben nur kurz Zeit zum Verschnaufen. Denn das Stammlager ist nur der Anfang. Von hier aus expandierte das KZ über den ganzen Ort Oswiecim und es wurden im Laufe weniger Monate zwei weitere Lager gegründet: Das Arbeitslager Monowitz (ab 1942) und das Vernichtungslager Birkenau (ab Oktober 1941). Während Monowitz nicht zu besichtigen ist, wurde in Birkenau ebenfalls eine Gedenk- und Trauerstätte errichtet. Diese soll unsere nächste Station sein.

Das Vernichtungslager Birkenau. Von dem Parkplatz, der zur Gedenkstätte Birkenau gehört, laufen wir an der kleinen Straße einige hundert Meter zum ehemaligen Vernichtungslager. Wir kommen direkt auf das berühmte Torhaus mit dem großen Eisentor zu, durch das sich die Schienen für die damaligen Güterzüge bis heute schlängeln. Wir folgen den Schienen und kommen zur sogenannten Judenrampe. Hier hielten die Güterzüge, bis an den Rand gefüllt mit Deportierten, an und die Menschen wurden selektiert: die einen in den Teil mit den Holzbaracken, die anderen in den Teil mit den Steinbaracken… und die dritte Gruppe, die den weit größten Teil ausmachte, direkt in den Tod. Heute steht hier einsam ein roter Waggon, der den damaligen nachgebildet ist, auf den weitläufigen Schienen, die in Richtung der in den Wäldern verborgenen Vernichtungsanlagen weisen. Vier Stück waren dort gebaut worden, je eine Vergasungshalle mit angeschlossenem Krematorium.

Unser Guide führt uns zu der Gedenkstätte, die zwischen den Überresten dieser vier Todesorte liegt. Dabei laufen wir auf dem Weg links von den Schienen, den die für den Tod selektierten Menschen auch gehen mussten. Was für ein merkwürdiges Gefühl in die Fußstapfen derer zu treten, die aus so perversen Beweggründen diesen Weg entlang geschickt wurden: zu alt, zu jung, zu krank, zu schwach, zu jüdisch… Hinter der Menge, die diesen Weg gingen, sei ein Wagen des Roten Kreuzes gefahren, so unser Guide. Dieser hätte die Illusion der Menschen, Birkenau sei eine Durchgangsstation zu ihrem neuen Leben im Osten und sie würden hier nur aufgepeppelt werden, aufrechterhalten sollen.

An der Gedenkstätte reiht sich eine Mahntafel an die andere. In verschiedensten Sprachen steht hier: „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit“. Aufschreien möchte ich tatsächlich, als ich so ohnmächtig den Berichten über das lausche, was hier vorgefallen ist. Menschen waren die Urheber dieser Grausamkeit, Menschen waren ihre Opfer. Menschen wie ich. Was macht dieser Gedanke mit einem?

Nach einem Moment an diesem Gedenkort gehen wir weiter zu den Überresten der Todesanlage Nummer Drei, die die Nazis kurz vor ihrer Flucht gesprengt haben – die Rote Armee rückte unablässig näher und so haben sie beschlossen, möglichst viele Häftlinge auf den gefürchteten Todesmärschen ins Inland zu bringen und die Beweise für den Holocaust zu vernichten. Drei Vernichtungsanlagen sind so gesprengt worden. Eine war schon vorher von einer mutigen Gruppe der Häftlinge zerstört worden. Für die wenigen Nazis, die bei diesem Attentat ihr Leben ließen, wurden fast 500 Häftlinge ermordet.

Noch einmal möchte ich aufschreien, als unser Guide uns erzählt, dass rund um dieses Krematorium herum die sogenannten Aschefelder liegen – nicht nur habe sich die Asche der unzählige Verbrannten durch die Schornsteine einen Weg in die Luft und damit auf das Gelände gebahnt, wo sie den Häftlingen das Gesicht bedeckte. Sondern die Überreste seien einfach auf den Wiesen um die Anlagen oder in einem in der Nähe befindlichen See verstreut worden. Bis heute seien hier zahlreiche Knochenreste zu finden.

Betreten gehen wir zurück Richtung Eingang, links von uns hinter Stacheldraht die Holzbaracken, rechts die Steinbaracken, vorbei am roten Waggon. Zurück auf dem Weg, den all die Opfer nicht mehr gehen konnten. Kann man stellvertretend für die unzähligen Opfer diesen Ort verlassen und das unfassbare Leid so irgendwie minimieren? Es ist wahrscheinlich ein naiver Gedanke, und doch tut es gut, dem Tod den Rücken zu kehren und dabei die Opfer im Herzen zu tragen.

Kurz vor dem Eingang biegen wir nach links ein in das Gebiet mit den hunderten Holzbaracken und betreten nacheinander zwei dieser Gebäude, die von ihrer Konzeption her eigentlich als Pferdeställe gedacht waren. Die erste Baracke, die wir besichtigen, ist vollgestellt mit etwas, das wohl mehrstöckige Betten gewesen sein sollen. In meinen Augen sieht es eher aus wie eine heruntergekommene Lagerhalle. Der Guide erzählt uns hier von den Menschen, die an den unmenschlichen Bedingungen im Lager starben, von den grassierenden Krankheiten, die epidemieartig um sich griffen und sogar auf das Personal im Lager und deren Familien übergingen, und von dem Ungeziefer, das sich nachts an den gerade Verstorbenen zu schaffen machte. In der zweiten Baracke steht etwas, das aussieht wie zwei lange Bänke aus Beton mit großen Löchern darin. Ich verstehe zuerst nicht, worum es sich hier handeln soll, bis uns gesagt wird, dies seien die Toiletten für die Häftlinge gewesen. Zwei Mal am Tag hätten sie hier auf Kommando ihre Notdurft verrichten dürfen. Wem das nicht ausgereicht habe, der habe halt Pech gehabt. Jeden Tag sei eine Gruppe von Häftlingen ausgewählt worden, die alles reinigen musste. Unvorstellbare Zustände für jemanden, der im heutigen Deutschland groß wurde mit all den Hygienevorschriften und anderen Selbstverständlichkeiten.

Nach der Besichtigung dieser Baracke entlässt uns unser Guide, nachdem sie noch von der Befreiung des Konzentrationslagers erzählt hat: Die Rote Armee sei mehr zufällig über Auschwitz gestolpert. Die Lagerkommandos hätten kurz zuvor ca. 60.000 der Häftlinge in Todesmärschen ins Landesinnere verfrachtet, während nur an die 7.500 Menschen in Auschwitz zurückgelassen worden seien. Viele Hundert seien an den Folgen ihres Zustandes in den Tagen nach der Befreiung noch verstorben.

Fassungslos und überfordert beschreibt wohl am besten den Zustand, in dem wir uns nun nach der Führung durch die beiden Gedenkstätten befinden. Wir sammeln uns als Gruppe auf dem Grundstück von Birkenau kurz vor dem Ausgang. Es wird immer kälter und wir beginnen zu frieren, obwohl wir Winterkleidung tragen. Die Sonne geht langsam unter und der Himmel ist in wunderschöne Pastellfarben getaucht. Ich lasse meinen Blick über das Gelände von Birkenau streifen. Alles wirkt plötzlich so seltsam ruhig. Evgeni bläst das Schofar und der ersehnte Klang durchbricht die Stille. Dieser Klang, der für uns nicht nur die Wiederkunft unseres Messias symbolisiert, sondern auch die Auferstehung unserer Toten. Dann beginnt der Kantor der Berliner Gemeinde, das Kaddish für die Leidtragenden zu singen. Ein trauriger Friede kehrt in unsere Gruppe ein, als wir all die Toten, all diejenigen, die hier gelitten haben, und unsere Ohnmacht in die Hände unseres allmächtigen Gottes legen. Und so machen wir uns nach einem langen Tag auf den Heimweg.

Der Abend danach. Etwas verspätet läuten wir schließlich gemeinsam den Schabbat ein. Ein Ehepaar aus unserer Gruppe spricht die Segen und gemeinsam stoßen wir mit einem schallenden LeChaim an – auf das Leben. Das ist wohl etwas, was das jüdische Volk in seiner jahrtausendealten Geschichte gelernt hat: Im Angesicht des Leidens, des Todes und der Ungewissheit dennoch das Leben zu feiern. Genau das versuchen wir an diesem Abend auch. Trotz des Erlebten ist der Raum beim Abendessen erfüllt von Gespräch, einem Lachen hier und da und einfach wohltuender Gemeinschaft.

Doch so abrupt wollen wir den Abend noch nicht beenden und so treffen wir uns noch zu einer Zeit des Austauschs. Zuerst setzen wir uns in kleinen Gruppen zusammen und nachdem die erste bedrückte Stille durchbrochen ist, merken wir alle, wie gut es tut, über das Gesehene, Gehörte und Gefühlte zu reden. Spätestens an dieser Stelle verstehe ich, was für ein Segen es ist, mit Glaubensgeschwistern eine solche Reise zu teilen. Ganz ehrlich können wir voreinander unsere Gedanken aussprechen, uns gegenseitig aber auch im Glauben stärken. Wir bemerken gar nicht, wie schnell die Zeit während unseres Erzählens und Fragens vergeht, aber nach einer Stunde setzen wir uns als ganze Gruppe noch einmal zusammen und tauschen uns unter der Anleitung von Wladimir über das Erfahrene aus. Bei der Frage, was wir Neues über Gott gelernt hätten, teilt Evgeni mit uns, dass er spüren konnte, wie Gott an diesem Ort geweint hätte und sein Herz gebrochen sei. Jeschua, der Messias, habe bei dem Geschehen nicht nur Mitleid gehabt, er habe selbst mit seinem Volk mitgelitten. Eine Teilnehmerin hat einige Verse von dem Propheten Hesekiel auf dem Herzen: Sie liest aus Kapitel 37, in dem Hesekiel in einer Vision vor einem Feld von Knochen steht. Der Prophet soll für Gott über diese Knochen, die das Volk Israel symbolisieren, weissagen. Bei seinen Worten richten sich die Knochen auf, werden von Fleisch und Sehnen umhüllt und wieder zu lebendigen Menschen. Schließlich spricht Gott selbst und sagt: „Seht, ich öffne eure Gräber; ich lasse euch als mein Volk aus euren Gräbern steigen und bringe euch nach Israel zurück. Und wenn ich eure Gräber öffne und euch als mein Volk aus euren Gräbern steigen lasse, dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin. Ich gebe euch meinen Geist, damit ihr lebt, und ich bringe euch in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich, der HERR, es angekündigt und auch ausgeführt habe. Ich, der HERR, habe gesprochen!“ (Hes 37,12-14)

Nach diesen mächtigen Worten wird uns klar: Das Böse hat nicht gesiegt. Aus der Asche des Holocaust ist neues Leben hervorgegangen. Das Volk Israel lebt. Es ist wieder in seinem Land und wir feiern als eine Gruppe aus messianischen Juden und nichtjüdischen Christen gemeinsam in Auschwitz Gemeinschaft und Gottesdienst. Gott hat aus dem furchtbarsten Leid etwas ganz Neues entstehen lassen.

Krakau. Unseren zweiten Tag in Oswiecim beginnen wir mit einem gemeinsamen Schabbat-Gottesdienst. Nach einem bewegenden Lobpreis werden wir von dem Kantor der Berliner Gemeinde im Morgengebet angeleitet. In der Andacht zeichnet Wladimir uns ein Bild der Liebe Jeschuas zu seinem Volk. Als Jeschua wenige Tage vor dem Beginn seiner Passion auf Jerusalem blickte und weinte (Lk 19,41ff.), habe er nicht nur die Zerstörung Jerusalems, sondern auch alles weitere gesehen, was geschehen würde – auch Auschwitz. Jeschua zeige hier sein Herz und darin seine tiefe Liebe zum jüdischen Volk. Verstehe man an dieser Stelle die Trauer Jeschuas um sein Volk nicht, könne man ihn selbst nie ganz verstehen. Ebenso habe der Apostel Paulus fast körperliche Schmerzen durch die Trauer um sein Volk erlitten (Röm 9,1-5), weil es zu einem Großteil Jeschua noch nicht erkannt hatte. Die Liebe zum jüdischen Volk und der Dienst unter Juden seien wichtige Bestandteile des Lebens eines Menschen, der das Evangelium erfahren habe: Von den Juden sei das Evangelium in die Welt hinausgegangen – nun müsse Jeschua wieder seinem Volk verkündigt werden.

Nach diesem bewegenden Gottesdienst machen wir uns auf den Weg nach Krakau: Hier erwartet uns eine Führung durch das alte jüdische Viertel Kazimierz. Unser Guide führt uns vorbei am Wawelhügel mit seinen beeindruckenden Mauern und dem feuerspeienden Drachen über die Weichsel nach Kazimierz. Wir sehen verschiedenste Kirchen und öffentliche Plätze und in einem Hinterhof erkennen wir sogar den Drehort von „Schindlers Liste“ wieder. Vorbei an verschiedenen ehemaligen und noch genutzten Synagogen geht es weiter zu einem großen Platz, an dem es zahlreiche jüdische Läden und Restaurants gibt. Von hier aus laufen wir in die Altstadt und erkunden den großen Marktplatz, wo uns verschiedenste Sehenswürdigkeiten gezeigt werden. Nach einer kleinen Verschnaufpause in einem Krakauer Café bringt uns unser Guide wohlbehalten zum Bus und wir brechen schließlich wieder Richtung Oswiecim auf. Die Besichtigung von Krakau war spannend und eine angenehme Pause zu dem schweren Thema, mit dem wir uns beschäftigen. Doch unser Tag ist damit noch nicht abgeschlossen.

Fountain of Tears. Nach einem schnellen Abendessen im Zentrum für Dialog und Gebet machen wir uns schon wieder auf den Weg: Wir haben eine Führung durch ein Kunstwerk namens Fountain of Tears. Der Künstler heißt Rick Wienecke und bekehrte sich in den ´70er Jahren in Israel. Seitdem wohnt er dort und gestaltete eine Reihe von Skulpturen, u.a. sein wohl größtes Werk namens Fountain of Tears: Es besteht aus lebensgroßen Skulpturen, die eine Art Dialog zwischen dem Holocaust und dem Kreuzesgeschehen darstellen. Seit vielen Jahren ist das Projekt in Arad, Israel ansässig. Eine Freundin von Rick Wienecke nimmt uns in Empfang. Sie erzählt uns, wie lange es gedauert habe, bis Rick sein Vorhaben, die Skulpturen auch in der Nähe der Gedenkstätte Auschwitz auszustellen, verwirklichen konnte. Seit April 2019 ist das Projekt nun auch in Oswiecim zu besichtigen, wenn auch mit mancher kleinen Veränderung, die der Künstler auf der dazugehörigen Website erklärt.

Sie führt uns zuerst durch die Hallway of Questions, in der das Ringen des Künstlers mit Gott dargestellt wird: Wie soll er als Nicht-Jude das Leid des Holocaust darstellen können? Der Gang endet mit der überwältigenden Zusage, dass Gott sich an jedes einzelne Opfer erinnert. Der Besucher wird von dort aus zu einer Skulptur von Jeschua geführt, wie er kurz vor seiner Passion im Garten Gethsemani Gott anfleht, den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen. Er krümmt sich auf einem Berg aus kleineren und größeren Felsbrocken, die, wie uns erklärt wird, die Opfer des Holocaust darstellen. Hinter dem leidenden Messias ragt eine Wand mit Bildern aus dem Holocaust auf. Hier wird das Anliegen des Kunstwerks deutlich: Es geht, wie Rick Wienecke selbst auf seiner Website zu verstehen gibt, um einen Dialog zwischen dem Leid, das Jeschua am Kreuz ertrug, und seinem im Holocaust leidenden Volk. Von hier aus gelangt man zu dem eigentlichen Werk: Die Fountain of Tears ist eine Wand aus Jerusalemstein. Sie besteht aus sieben Abschnitten, die je eines der sieben Worte Jeschuas am Kreuz behandeln. Doch wird hier nicht bloß der Gekreuzigte dargestellt, der auf besondere Weise aus der Wand herausgearbeitet ist. Sondern ihm gegenüber ist je die Skulptur eines Holocaust-Überlebenden. Während die beiden einander zugewandt sind und miteinander im Dialog zu sein scheinen, laufen an den Steinsäulen, die die sieben Abschnitte voneinander trennen, unablässig Wassertropfen herunter – Tränen. Der Titel Fountain of Tears bezieht sich auf einen Vers aus dem Buch des Propheten Jeremiah: „Wären meine Augen doch Tränenquellen! Ich würde Tag und Nacht die Toten meines Volkes beweinen.“ (Jer 8,23)

Wir setzen uns vor das Kunstwerk und lassen den Inhalt auf uns wirken. Ein kleiner Film erläutert uns das Anliegen des Künstlers etwas genauer. Danach macht sich Stille breit. Als ich dort sitze und sehe, wie Jeschua mit dem Holocaust-Überlebenden leidet, wird mir wie nie zuvor die niemals zu trennende Verbindung zwischen den beiden deutlich. Andreas liest uns den Psalm 22, den der Messias am Kreuz gesprochen hat. Kurz danach steht eine Teilnehmerin auf und betet so mitleidend und liebevoll für Israel, dass ich nicht anders kann als zu weinen. Wir gehen weiter zu der nächsten Skulptur. Sie stellt ein kleines Kind in einem Ofen im Krematorium eines Vernichtungslagers dar. Zusammengekauert, in völliger Resignation sitzt es dort und lehnt sich an die Innentür des Ofens. Ohne es selbst wahrzunehmen, greift es durch die Tür hindurch nach draußen. Neben seiner Hand sitzt ein Schmetterling zwischen den Blättern eines Olivenbaums. Hinter der Skulptur ragt eine Wand auf, die die Gründung des Staates Israel verkündet. Aus dem Leiden des Volkes ist eine neue Hoffnung, neues Leben entstanden.

Hinter einer Abtrennung steht die letzte Skulptur der Ausstellung. Aus dem Steinhaufen, auf dem der leidende Jeschua noch zu Beginn des Weges lag, bricht er nun hervor: Der Auferstandene, der noch die Narben seiner Passion trägt, presst den Holocaust-Überlebenden an seine Brust. Er hält ihn ganz fest, während der Mann sich erleichtert an seinen Messias lehnt. Triumphierend reckt Jeschua den leeren Kelch des Leids, den beide getrunken haben, in die Luft. Der Tod ist besiegt.

Zurück nach Deutschland. Mit diesem imposanten Bild, das die Beziehung zwischen Jeschua und Israel in einer ganz besonderen Art darstellt, gehen wir in die Nacht hinaus. Wieder im Zentrum für Dialog und Gebet angekommen, ziehen sich einige in ihre Zimmer zurück, andere treffen sich noch in einem Raum, um zu singen und zu beten. Als ich dort sitze und den Menschen lausche, mit denen ich in den letzten Tagen so viel erlebt und geteilt habe, merke ich, wie sehr ich die Gemeinschaft genossen habe und wie viel mir diese gemeinsame Erfahrung bedeutet. Dankbar blicke ich auf jede Minute zurück, die ich mit diesen besonderen Menschen teilen durfte: jedes Gespräch, jedes Lied, jedes Gebet und auch jede Träne, die wir gemeinsam vergossen haben.

Am nächsten Morgen brechen wir nach dem Frühstück sehr zeitig auf. Nachdem wir unsere Schweizer Freunde verabschiedet haben, besteigen wir wieder unseren Bus und fahren Richtung Berlin. Obwohl wir alle erschöpft sind, herrschen wieder angeregte Gespräche, dieses Mal jedoch viel vertrauter. Nummern werden ausgetauscht und Pläne für ein Wiedersehen geschmiedet, während weiter hinten erneut Lobpreis angestimmt wird. Wieder legen wir eine längere Pause ein und danach scheinen alle langsam wieder in ihre jeweilige Wirklichkeit zurückzukehren. Denn genauso kommt es mir vor: Als sei ich in einer anderen Welt gewesen. Was fange ich nun mit all dem an, was ich gesehen und gehört habe in seinen Ausmaßen, die ich niemals hätte erahnen können? Wie könnte man auch nicht fassungslos sein, wenn man sich diesen Überresten von so viel menschlichem Hass, unermesslichem Leid, tiefster Verzweiflung und Angst stellt? Was könnte das Ziel einer Reise an diesen Ort sein, der einen mit Fragen statt Antworten, mit Unverständnis statt Wissen, wahrscheinlich sogar mit Zweifeln und Trauer zurücklässt?

Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung an die weit über eine Million Menschen, die hier in Auschwitz ihr Leben ließen, und an die weiteren fünf Millionen Juden, die an den vielen anderen Orten im Holocaust sterben mussten. Die Erinnerung an Täter und Opfer, Unrecht und Hoffnung, die einen Menschen nicht unverändert lassen kann, zu bewahren in einer Gesellschaft, in der der Antisemitismus, der wohl nie ganz dieses geschichtsträchtige und schicksalsbestimmende Land namens Deutschland verlassen hat, neu aufflammt und sich in neue Gewänder kleidet.

Was nehme ich also für mich mit von meinem ersten Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz? Dass das Böse nicht gesiegt hat. Dass das Böse niemals siegen wird. Dass nach Auschwitz so viele Wunder geschehen sind, dass Israel lebt und wieder in seinem Land ist, ist für mich dafür Beweis genug. Und so versuche ich nun, wieder in meinen Alltag als Theologiestudentin hineinzufinden und Gott das Werk in meinem Herzen tun zu lassen, das er aus dieser Erfahrung erwachsen lassen möchte.

Nächstes Jahr in Auschwitz? Als ich diesen Bericht schreibe, kommen mir die Worte, die an den jüdischen Gruß zu Feiertagen erinnern: Nächstes Jahr in Jerusalem. Man möchte es kaum aussprechen und irgendwie bleiben einem die Worte im Halse stecken. Aber es sind für mich auch Worte der Hoffnung. Als Komitee planen wir eine neue Reise gegen das Vergessen für das Jahr 2020, weil wir verstanden haben, dass Erzählungen, Bilder und Internet-Posts eben nicht ausreichen. Manches muss man selbst erlebt, selbst gesehen, selbst betrauert haben. Wir werden nächstes Jahr zurückkehren an diesen Ort, der gebunden ist an seine schreckenerregende Vergangenheit. Diesen Ort der Erinnerung an das nicht zu ermessende Leid, das hier stattfand. Diesen Ort des Gedenkens an die vielen Menschen, die hier litten und starben. Diesen Ort des Gebets, wo der Schrei nach Gott für immer gen Himmel steigt. Diesen Ort, aus dessen Asche sich der Staat Israel erhob und der deshalb für immer zu einem Zeichen der unzerstörbaren Hoffnung geworden ist. An diesen Ort, an dem wir gemeinsam, Juden und Nicht-Juden, gegen das Vergessen einstehen.

 

Kristina Stegemann