Das Geheimnis der Kaschrut

Dass die Kaschrut, also die Gesamtheit aller biblischen und rabbinischen Speisevorschriften, innerhalb des jüdischen Lebens eine enorm wichtige Rolle spielt, ist weithin bekannt. Wer schon einmal in Israel war, wird das nachempfinden können, da dort selbst die Restaurants international bekannter Fastfood-Ketten koscheres Essen anbieten und deshalb häufig zwei getrennte Küchen, Abholschalter sowie Essbereiche haben: je einen für Milchiges und einen für Fleischiges.

Obwohl die Tora selbst nie generell das Vermischen von Milch und Fleisch verbietet, so untersagt sie doch an drei Stellen das Zubereiten eines Böckchens in der Milch seiner Mutter (2. Mose 23,19; 34,26; 5. Mose 14,21). Darüber hinaus berichtet der Mischnatraktat Pirke Avot (Sprüche der Väter) wie die soeben aus dem babylonischen Exil nach Israel zurückgekehrten Juden den Entschluss fassten, „einen Zaun um die Tora“ zu errichten, um dadurch sicherzustellen, dass der Bund Gottes fortan nicht mehr gebrochen und die daraus resultierende Strafe sich nicht wiederholen würde. Ein Ergebnis dieser Entscheidung ist die bis heute für das Judentum prägende, grundsätzliche Trennung von Milchigem und Fleischigem.

Ein weiteres, wichtiges Element der Kaschrut ist das Verbot von Blutgenuss. Auch dieses wird zwar in den Bundestexten zwischen Gott und dem Volk Israel (2. Mose 20 – 5. Mose 33) immer wieder erwähnt, ist aber offenbar dennoch nicht als spezifisch jüdische Angelegenheit zu verstehen. Immerhin enthält schon der noachidische Bund (1. Mose 9,4) den Satz: „Nur Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen!“ Da Noah, nach jüdischem Verständnis, als Vater und somit auch Repräsentant der gesamten modernen Menschheit gilt, ist die Annahme naheliegend, dass diese Anweisung nicht nur für Juden nützlich ist. Aus ebendiesem Grund wird sie wohl auch beim sog. Apostelkonzil (Apostelgeschichte 15,20) wiederholt, wo es um Voraussetzungen für die Integration nichtjüdischer Gläubiger in die messianischen Gemeinden geht.

Fast alle übrigen Bestandteile der Kaschrut, wie sie uns heute begegnet, ergeben sich aus 3. Mose 11. Hier werden, anhand vier verschiedener Klassen von Tieren – nämlich Säugetiere (Verse 2-8), Wasserlebewesen (Verse 9-12), flugfähige Tiere (Verse 13-19) sowie Insekten und Reptilien (Verse 20-25) – die verschiedenen Reinheitskriterien aufgeführt. So gelten bspw. Säugetiere dann als rein und zum Verzehr geeignet, wenn sie sowohl Paarhufer als auch Wiederkäuer sind und Fische sind dann koscher, wenn sie Schuppen haben.

Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Rabbis mit dem Sinn und Zweck dieser Kriterien beschäftigt. Der Universalgelehrte Rambam (Maimonides) war z.B. der Ansicht, dass das Fleisch von koscheren Tieren gesünder sei als das von unkoscheren. Allerdings hat eine Studie[1] der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) aus dem Jahr 2013 gezeigt, dass Insekten, von denen die allermeisten nicht koscher sind, als Energielieferanten wesentlich effektiver sein können als etwa Rinder. Zudem ist die Zucht von Insekten sowohl ökonomischer als auch ökologischer. So war denn auch bereits im 13. Jahrhundert, also rund hundert Jahre nach Rambam, Ramban (Nachmanides) der Ansicht, dass der Gesundheitsaspekt möglicherweise ein willkommener Nebeneffekt der Kaschrut sei, aber keinesfalls der Hauptgrund sein könne. Schließlich äßen ja die Nichtjuden auch unreine Tiere und stürben dennoch nicht. Stattdessen schlug er vor, dass einige Tiere vor allem deshalb nicht koscher seien, weil es sich um Raubtiere handele. Ramban meinte weiter, dass man sich diese negativen Wesenszüge der Tiere nicht zu eigen machen sollte und sie deshalb auch nicht verzehren dürfe.

Oftmals wird dieser Gedanke so interpretiert, als könne man durch die physische Aufnahme eines toten Lebewesens in den eigenen Körper auch dessen Fähigkeiten erwerben. Dieser Gedanke ist der Bibel jedoch völlig fremd und letztlich auch albern. Denn wäre dies tatsächlich der Fall, müsste der Mensch auch in der Lage sein, durch den Genuss von Rindfleisch – zumindest wenn es sich um ein weibliches Rind handelt – die Fähigkeit zu erwerben, Milch zu geben. Doch das ist nachweislich nicht so. Die Tora selbst liefert deshalb auch eine ganz andere Erklärung für die unterschiedlichen Reinheitsgebote und damit auch die Kaschrut: „Ihr sollt heilig sein; denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“ (3. Mose 19,2)

Nun offenbart diese Aussage, die innerhalb der Tora an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Variationen vorkommt, zwar den Zweck der Kaschrut, also das Wofür – nämlich um heilig zu sein – jedoch nicht deren Sinn, also das Warum. Tatsächlich rätselten auch hierüber bereits ganze Generationen von Gelehrten. Im Babylonischen Talmud (Joma 67b) führte dies zu einer interessanten Überlegung: so wie sich die Gesetze der Tora in Gebote und Verbote einteilen lassen oder auch in ethische Gesetze und Kultgesetze, so teilten die Weisen um die Zeitenwende die Satzungen in Mischpatim und Chukim ein. Bei Mischpatim handelt es sich um Gesetze, die gar nicht unbedingt hätten niedergeschrieben werden müssen, weil sie sich schon aus dem gesunden Menschenverstand ergeben. Dazu gehören etwa das Verbot von Mord, Diebstahl oder von Götzendienst. Bei Chukim handelt es sich hingegen um diejenigen Gesetze, die mit menschlicher Logik nicht erklärbar sind und deren Sinn im Verborgenen liegt. Dazu gehören z.B. das Verbot von Schweinefleisch, das Reinigungsritual für Aussätzige und der Sündenbock an Jom Kippur.

Überraschenderweise hat das Judentum zu allen Zeiten in besonderer Weise an diesen unerklärlichen Geboten, den Chukim, festgehalten. Und zwar aus einem einfachen Grund: wenn alle Gesetze Gottes logisch erklärbar und nachvollziehbar wären, wäre die göttliche Offenbarung überflüssig. Theologie wäre dann reine Philosophie, der Bundesschluss am Sinai nur noch eine Farce. Stattdessen bietet aber der Gehorsam gegenüber den Chukim, den nicht erklärbaren Worten Gottes, die Möglichkeit, sein tiefes Vertrauen gegenüber dem eigenen Schöpfer und Erlöser zum Ausdruck zu bringen.

Es kann daher kaum überraschen, dass auch die große Mehrheit der messianischen Juden sich den Chukim und damit auch der Kaschrut, also den Speisegeboten der Tora, verpflichtet fühlt. Und zwar nicht, weil durch die Befolgung derselben die eigene Erlösung erworben oder gar vergrößert werden könnte, sondern weil das Bewusstsein, bereits durch Jeschua erlöst worden zu sein, den Wunsch nach einem Lebensstil weckt, der der Erlösung auch angemessen ist. Und für die Beschreibung eines solchen Lebensstils ist die Tora keinesfalls die schlechteste Adresse.

Magnus J. Grossmann


[1] //www.fao.org/docrep/018/i3253e/i3253e.pdf