Die jüdischen Evangelien: Die Geschichte des jüdischen Christus

Von Daniel Boyarin, New York: The New Press, 2012
Rezension von Alan M. Shore

Zu Beginn des frühen 19. Jahrhunderts begannen jüdische Gelehrte als neuzeitliche Historiker die Geschichte des jüdischen Volkes zu schreiben. Als sie sich dem 1. Jahrhundert n. Chr. zuwandten, betrachteten sie Jesus nicht als den christlichen Erlöser, sondern als einen jüdischen Mann in einer jüdischen Welt, dessen Lehre an seinen Zeitgenossen und an denen, die vor ihm kamen, gemessen werden könnte. Unter Verwendung der aufkommenden Bibelkritik und der modernen Geschichtsschreibung, zusammen mit ihrer beträchtlichen Kenntnis des antiken Judentums, zeichneten sie ein Portrait des jüdischen Jesus, der von dem christlichen Lehrbekenntnis losgelöst war.

Unter den bekanntesten frühen jüdischen Historikern war Abraham Geiger, einer der ersten Leiter des Reformjudentums. In den folgenden Jahrzehnten folgten weitere Historiker und Theologen wie Heinrich Graetz, C.J. Montefiore und Joseph Klausner den Fußspuren Geigers. Zwei gemeinsame Fäden verbinden die Arbeit dieser Gelehrten. Einer ist die unmissverständliche Behauptung, dass das Leben Jesu und die Entstehung des Christentums im Kontext des Judentums des ersten Jahrhunderts betrachtet werden muss. Der zweite ist, dass die glaubwürdigsten und bewährten Lehren Jesu bereits im Judentum zu finden sind.

Ein weiteres bekanntes Merkmal ihrer Lehre, das sich bis heute gehalten hat, ist, dass Jesus von Nazareth und der christliche Erlöser nicht die gleiche Person sind. Das bedeutet, dass der Glaube an die messianischen Ansprüche bezüglich Jesus durch seine Nachfolger, in der Hauptsache durch die Aktivität des Paulus, erst später Fuß gefasst hat und das Ergebnis einer unreinen Verbindung mit nicht-jüdischen Einflüssen ist. Daher war Jesus, obwohl vielleicht eine bewundernswerte und doch tragische Figur, selbst nicht für die nach ihm folgenden Lehren des Christentums verantwortlich, denn diese waren in seiner jüdischen Welt unbekannt.

Nun plädiert Daniel Boyarin in seinem neuesten Buch Die jüdischen Evangelien dafür, dass diese Erkennungsmerkmale früherer jüdischer Gelehrsamkeit – und auch einige der christlichen Welt – verworfen werden müssen. Sein Eintreten für den jüdischen Jesus ist bei weitem nicht neu, aber was wirklich originell in der Sphäre jüdischer Gelehrsamkeit ist, ist seine Annäherung an Jesus als ein glaubwürdiger Kandidat als Messias, basierend auf Kriterien, die aus der bereits existierenden jüdischen Welt abgeleitet werden. So wie Boyarin feststellt:

Während mittlerweile fast jeder, Christ und Nicht-Christ, zufrieden ist, von Jesus, dem Menschen, als einem Juden zu sprechen, möchte ich einen Schritt darüber hinaus gehen. Ich möchte, dass wir sehen, dass auch Christus, der göttliche Messias, ein Jude ist. Die Christuslehre ( oder die frühen Gedanken zum Christus) ist auch ein jüdischer Diskurs und keinesfalls – bis erst viel später – ein antijüdischer Diskurs … Daher sind die zugrunde liegenden Gedanken, aus denen sowohl die Trinität als auch die Inkarnation (Fleischwerdung/Menschwerdung) entsprangen, in genau der Welt vorhanden, in die Jesus hineingeboren wurde und in der zuerst über ihn in den Evangelien von Markus und Johannes geschrieben wurde. (S. 5-6)

Mit anderen Worten, die passende Rolle für Jesus als Messias, wurde nicht, wie viele es gerne hätten, im Nachhinein von Christen konstruiert, die ihn als solchen sehen wollten. Im Gegenteil, es war eine bereits vorhandene jüdische Erwartung, die Jesus zu erfüllen suchte. Mittels tief gehenden Analysen von Texten wie Daniel 7, 1. Henoch und 4. Esra entwickelt Boyarin den Gedanken für

einen messianisch-göttlichen „Menschensohn“, der bereits tief eingebettet im jüdischen Denken und jüdischer Erwartung vorhanden war. Boyarin stellt nicht nur die Annahmen jüdischer Gelehrsamkeit in Frage. In seinem Kapitel „Jesus lebte koscher“ bezweifelt er die vorherrschende christliche Auslegung von Markus 7 als die Aufhebung der Speisegebote in einer differenzierten Erörterung der unterschiedlichen Kategorien von „koscher“ und „rein und unrein“, die von Auslegern als eins betrachtet werden. Die Kontroverse, so Boyarin, liegt nicht darin, ob man die Torah befolgt, sondern wie.

Hier positioniert Boyarin Jesus als den konservativen galiläischen Bewahrer der Torah, der sich pharisäischen Neuerungen entgegen stellt, nicht in Bezug auf das, was koscher ist, darin würden sie wahrscheinlich übereinstimmen, sondern unter welchen Umständen koscheres Essen als zum Verzehr ungeeignet betrachtet werden würde.

Das vielleicht heißeste Eisen, das Boyarin anfasst, ist die Frage nach der Stichhaltigkeit des ‘Leidenden Messias’ im jüdischen Denken, besonders in den umstrittensten Passagen von Jesaja 53. Als Antwort auf Kommentatoren, die behaupten, dass eine messianische Verbindung mit diesem Abschnitt eine ausschließlich christliche Auslegung sei, maßgeschneidert, um das Leiden und die Demütigung Jesu zu arrangieren. Boyarin zeigt auf, dass ein ‘Leidender Messias’ ein wesentlicher Bestandteil jüdischer Tradition ist, sowohl vor als auch nach Jesus. In der Behandlung dieser Angelegenheit beobachtet Boyarin:

Die faszinierende (und für manche zweifellos unbequeme) Tatsache ist, dass diese Tradition von heutigen messianischen Juden, denen daran liegt aufzuzeigen, dass ihr Glaube an Jesus sie nicht zu Nicht-Juden macht, gut belegt wurde. Ob man ihre Theologie akzeptiert oder nicht, es bleibt die Tatsache, dass sie eine starke Textgrundlage haben für die Sicht, dass der ‘Leidende Messias’ auf tief wurzelnden frühen und späten jüdischen Texten gegründet ist. (S. 132-133)

Schon oft in seiner akademischen Laufbahn hat Daniel Boyarin bestehende Annahmen in Frage gestellt und die Gemüter erregt. In „Die jüdischen Evangelien“ ist ihm das erneut gelungen. Obwohl es noch zu früh ist zu sagen, ob seine Behauptungen in der jüdischen Welt Annahme finden werden, lässt er einen akademisch gebildeten Ruf erklingen, der nicht einfach ignoriert werden kann.

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Quelle: Chosen People Ministries
Übersetzung: Kurt Fuss