Die richtige Religion

Von einer Arbeitskollegin wurde ich kürzlich gefragt, wie ich mir so sicher sein könne, dass meine Religion die richtige sei, wo es doch so viele Religionen gebe. Ich muss gestehen, dass diese Frage durchaus berechtigt ist. Andererseits ist sie aber, zumindest für mich persönlich, eher unerheblich. Das liegt vor allem daran, dass der Begriff Religion, wie ich auch meiner Kollegin erklärte, seinem lateinischen Ursprung nach, so viel wie „gewissenhafte Berücksichtigung“ bedeutet. Er bezieht sich also in erster Linie auf die Ausübung nicht näher genannter Rituale, Zeremonien, Traditionen, Bräuche, usw. Die genaue Ausführung derselben obliegt jedoch in aller Regel den Ausführenden selbst, d.h. den Gläubigen bzw. Gemeinden.

Nun fühle ich mich zwar in meiner eigenen Gemeinde sehr wohl, kenne aber durchaus auch ihre Schwächen und würde deshalb keinesfalls behaupten, sie mache alles richtig oder mache gar als einzige Gemeinde alles richtig. Vermutlich sind die Kategorien Richtig und Falsch hier ohnehin unangebracht, weil es auch innerhalb der einzelnen Religionen, wie etwa dem Judentum, große Unterschiede gibt. So tragen bspw. chassidische Juden bevorzugt Kippot (Kopfbedeckungen) aus schwarzem Samt, konservative hingegen eher aus weißem Satin, bei religiösen Zionisten sind sie häufig gehäkelt, bei den Na Nachs außerdem mit Zipfel und Buchstaben versehen, bei Lubawitscher Rabbinern bestehen sie meist aus Terylen, bei progressiven Juden jedoch eher aus Wildleder und abgesehen davon gibt es natürlich noch unzählige Juden, die überhaupt keine Kippa tragen oder wenn, dann nur zu besonderen Anlässen.

Wer würde angesichts dieser Vielfalt schon in der Lage sein, genau zu bestimmen was richtig und falsch ist? Zumal die Tora selbst bzw. die Bibel insgesamt das Tragen der Kippa weder befiehlt noch überhaupt erwähnt.

Mit dieser Begriffsklärung näherten wir uns nun offenbar dem eigentlichen Kern der Frage an. Meiner Kollegin ging es nämlich nicht in erster Linie um die Ausübung irgendwelcher Rituale, sondern um die Glaubensinhalte, an die bestimmte Rituale uns immer wieder erinnern sollen. Und da bekanntlich die zentralen Glaubensinhalte aus Aussagen der heiligen Schriften gespeist werden, konkretisierte sie ihre Frage: „Wie kannst du dir so sicher sein, dass alles stimmt, was in der Bibel steht, obwohl das meiste doch erst Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen verfasst wurde?“

Nun musste ich zunächst einmal gestehen, dass uns tatsächlich von keinem einzigen der insgesamt 66 biblischen Bücher die jeweiligen Autographen (Urfassungen) vorliegen. Was es hingegen gibt sind Abertausende von handschriftlichen Kopien, die abgesehen von kleineren Abweichungen, wie z.B. unterschiedlichen Schreibweisen von Eigennamen o.ä., auf überraschende Weise miteinander übereinstimmen. Zum Vergleich: während von Standardwerken der Literaturgeschichte, wie etwa Herodots Historien oder Cäsars Gallischem Krieg, nur 10 oder weniger Abschriften aus der Zeit vor Erfindung des Buchdrucks existieren, so sind uns heute allein von Büchern der Brit Chadascha (Neues Testament) mehr als 5.600 Manuskripte bekannt und diese stimmen sowohl inhaltlich wie auch sprachlich in 99,5% der Fälle miteinander überein.[1]

Wären all diese Handschriften jedoch erst im Mittelalter geschrieben worden, würde uns das zwar viel über ihre Popularität zu jener Zeit verraten, allerdings so gut wie überhaupt nichts über ihren Wahrheitsgehalt. Wichtiger als die bloße Anzahl der Manuskripte ist deshalb ihr Alter. Und tatsächlich ist auch dies in vielen Fällen beeindruckend: der Papyrus 52 etwa, welcher einige Verse aus Joh 18 enthält, wurde in streng hadrianischem Schriftstil verfasst. Da Hadrian zwischen 117 und 138 n.d.Z. regierte, wird die Entstehung des Papyrus um das Jahr 125 n.d.Z. angenommen. Ebenfalls beeindruckend sind z.B. die Papyri 75 sowie 72, die bereits ganze Evangeliensammlungen bzw. mehrere Briefe der Schlichim (Apostel) enthalten. Wenn man bedenkt, dass etliche Handschriften dieser Art aus dem Süden Ägyptens stammen, wird deutlich, dass die Texte nicht erst im Mittelalter, sondern bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung sehr populär und deshalb weit verbreitet gewesen sein müssen. Und wenn man des Weiteren bedenkt, dass es sich lediglich um Abschriften handelt, so wird klar, dass die Autographen spätestens Ende des ersten Jahrhunderts verfasst worden sein müssen, also zu einer Zeit, in der etliche Augenzeugen Jeschuas (Jesu) noch lebten.

In der Tat gelang es dem Tübinger Theologen Martin Hengel nachzuweisen, dass sogar die sog. Evangelienüberschriften, welche die ursprünglich anonym verfassten Bücher bestimmten Autoren zuschreiben, bereits Ende des ersten Jahrhunderts verwendet wurden.[2] Da zu dieser Zeit Mattitjahu (Matthäus), Markus, Lukas und Jochanan (Johannes) bzw. zumindest einige ihrer Angehörigen wohl noch am Leben waren, ist es kaum vorstellbar, dass es sich um falsche Zuschreibungen, sog. Pseudepigraphien, handelt. Andernfalls hätte der Protest der Betreffenden oder ihrer Vertrauten sich nicht lange auf sich warten lassen. Auf einen solchen Einspruch gibt es jedoch keinerlei historischen Hinweis.

Man kann also im Falle der Besorot (Evangelien) von einer nahezu lückenlosen Überlieferung ausgehen, was die Brit Chadascha insgesamt zur mit Abstand bestbezeugten antiken Textsammlung macht. Darüber hinaus zeigen bspw. die seit 1947 in der Nähe von Qumran entdeckten Schriftrollen vom Toten Meer, dass auch die Texte des Tanach (Altes Testament) sich in den letzten 2.200 Jahren praktisch nicht verändert haben.

Zweifelsohne sind all diese Forschungsergebnisse der modernen Textkritik beeindruckend. Und doch können auch sie nicht ausschließen, dass es sich bei den Autoren der biblischen Bücher oder gar bei Jeschua selbst um Lügner handelt.

Das musste ich natürlich auch gegenüber meiner Kollegin eingestehen. Deshalb begann ich, ihr zu veranschaulichen, was für mich persönlich Jeschua dennoch vertrauenswürdiger macht als die vielen verschiedenen Religionsstifter: auch jene sprechen zwar viel über den Sinn des Lebens und vor allem ein mögliches Leben nach dem Tod, aber anders als Jeschua sprechen sie nicht aus Erfahrung. Er hingegen war bereits tot, ist gestorben und wieder von den Toten auferstanden. Er hat als erster und einziger den Tod dauerhaft überwunden. Und doch hat er versprochen, nicht der Einzige zu bleiben, sondern all seinen Nachfolgern ebenfalls ewiges Leben zu schenken (vgl. Joh 11,25). Und von dieser Auferstehung berichtete Jeschua nicht nur selbst, so als handle es sich lediglich um eine Metapher, sondern auch zwölf explizit von ihm autorisierte Gesandte – auf Hebräisch: Schlichim (Apostel) – und über 500 weitere Augenzeugen (vgl. 1Kor 15,6).

Was deren Aussagen außerdem stützt ist die Tatsache, dass der antike Historiker Eusebius von Caesarea berichtet, etliche von ihnen hätten ihr Zeugnis mit dem Leben bezahlen müssen. So wurden, laut seinen Aufzeichnungen, allein von den zwölf Schlichim elf aufgrund ihres Glaubens an den auferstandenen Jeschua hingerichtet. Ein reichlich sinnloses Opfer, sollte es sich lediglich um eine vorgetäuschte Auferstehung Jeschuas oder gar eine religiöse Verschwörung gehandelt haben.

Zu meiner großen Überraschung quittierte meine Kollegin diese Ausführungen mit den Worten: „Das klingt logisch.“ Nun, ich fand es zwar schmeichelhaft, dass mein kurzes Stegreifreferat für sie offenbar nachvollziehbar war. Dennoch muss ich ihrer Aussage widersprechen: der Glaube an die Auferstehung ist ganz und gar unlogisch. Das bestätigt sogar die Brit Chadascha selbst (1Kor 1,23)! Wir alle erleben doch immer wieder, dass liebe Menschen sterben und dann schlicht und ergreifend tot sind. Basierend auf dieser Erfahrung, den uns zur Verfügung stehenden empirischen Daten, gibt es also keinerlei Anlass zu folgern, dass das auch anders sein könnte. Und Logik ist letztlich ja nichts anderes als die Wissenschaft des folgerichtigen Denkens. Zu behaupten, der Glaube an die Auferstehung sei logisch, ist also denkbar falsch.

Interessant ist allerdings, wie die Brit Chadascha Glaube eigentlich definiert: laut Heb 11,1 wird dieser nämlich weder durch Logik noch durch Empirie bestätigt, sondern durch Hoffnung. Genauer gesagt ist Glaube sogar die Grundlage der Hoffnung. Aber Hoffnung worauf eigentlich?

Zehn Jahre lang verabschiedete die ZDF-Moderatorin Nina Ruge ihre Zuschauer mit den Worten: „Alles wird gut.“ Geht es darum? Liegt hier das Ziel der Hoffnung? Hoffen wir auf ein Happy End? Nein, ganz im Gegenteil! Tanach und Brit Chadascha machen keinen Hehl daraus, dass diese Welt ein Ablaufdatum hat. Selbst in der Wirtschaft setzt sich ja mittlerweile immer mehr die Erkenntnis durch, dass es in einer Realität mit endlichen Ressourcen kein unendliches Wachstum geben kann. Ein Happy End ist deshalb unrealistisch. Aber darum geht es auch gar nicht. Der Glaube an die Auferstehung Jeschuas führt nämlich gerade nicht zu einer Hoffnung auf ein Happy End, sondern zu einer Hoffnung auf einen Neuanfang. Jeschua verspricht wiederholt, dass wer einen geistlichen Neuanfang mit ihm wagt, auch berechtigterweise auf einen Neuanfang nach dem Tod hoffen darf:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen.“ (Joh 5,24)

Meiner Arbeitskollegin wünsche ich den Mut zu einem Neuanfang. Und dasselbe wünsche ich Ihnen. Es ist noch nicht zu spät!

Magnus J. Grossmann


[1]    Vgl. https://carm.org/manuscript-evidence

[2]    Hengel, M. 1984. Die Evangelienüberschriften. Schriften der philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.

 

Für weitere Beiträge hier klicken!