Ein Interview mit Esfir

Esfir, erzähle uns etwas von dir.

Mein Name ist Esfir Gershman. Ich wurde in Artemovsk geboren, einer Stadt in der Region Donetsk, wo ich bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges mit meiner Familie lebte. Als der Krieg begann, flohen einige meiner Verwandten, andere wurde evakuiert, und meine Mutter blieb mit den Eltern meines Vaters zurück. Meine Mutter konnte sie nicht allein lassen, da sie schon sehr alt waren. Sie hatten niemand anders mehr, der sich um sie kümmern konnte. Mein Vater wurde 1939 erschossen, als ich erst sechs Monate alt war. Gleich am ersten Tag, als die Deutschen kamen, erschossen sie meinen Großvater und meine Großmutter und verschleppten meine Mutter in ein Arbeitslager.

Meine Mutter nahm mich immer überall mit hin, denn ich war erst viereinhalb Jahre alt. Nachdem sie meine Mutter mitgenommen hatten, lebten wir die ganze Zeit zusammen in einem Ghetto. Sie wurde zur Zwangsarbeit in das Arbeitslager nach Konstantinovsk in der Donetsk-Region geschickt.

Nach der Zeit im Arbeitslager wurde sie in dem Alabastersteinbruch in Artemovsk bei lebendigem Leibe beerdigt. Mich brachten sie zum Büro der Gestapo. Wir mussten uns alle in Reih und Glied aufstellen und zum Wald marschieren. Erst später verstanden wir, dass sie uns dorthin bringen wollten, um uns zu töten, und dort gab es eine Grube mit toten Menschen.

Es waren noch 200 – 300 Meter bis zur Grube, als das Gewehrfeuer begann. Da die Straße durch den Wald ging, kam das Feuer aus dem Wald und aus der Luft. Wir gerieten alle in Panik. Dann ergriff eine seltsame alte Dame plötzlich meinen Arm und wir flüchteten durch den Wald. Nicht nur uns, sondern auch anderen gelang die Flucht. Andere Gefangene wurden auf der Flucht erschossen. Mehrere Tage verbrachten wir im Wald. Ich hatte Angst, war hungrig und fror. Schließlich erreichten wir ein Dorf und bekamen etwas zu essen.

Was konnte man überhaupt in einem Dorf zur Kriegszeit 1942 zu essen bekommen?

Ein Stück Kartoffel und Weizenbrot war da Luxus. Von dort gingen wir wieder nach Artemovsk zurück. Ich wurde in einem Keller versteckt und durfte tagsüber nicht auf den Straßen laufen, da es zu gefährlich war. Nachts konnte ich einen Spaziergang machen, und tagsüber saß ich im Keller, denn wenn ich bei Tag draußen herumgelaufen wäre, hätte man mich gefangen genommen. Doch die alte Dame, zu der man mich gebracht hatte, war offenbar eine weise Frau. Ich hatte damals als Kind dunkles lockiges Haar. Sie brachte mich zur Kirche und ließ mich taufen, und  sie erzählte mir, ich sei Armenierin und gab mir ihren Familiennamen.

Das Haus, wo ich lebte, wurde zerbombt und alles verbrannte, so dass ich nichts mehr hatte.

Danach gingen drei Nachbarinnen zur Stadtverwaltung, um dort zu bestätigen, wessen Kind ich war. So erhielt ich eine Geburtsurkunde und erfuhr, wer ich eigentlich war.

Im Jahr 1955 ging ich arbeiten; ein Jahr später schloss ich meine Berufsausbildung ab, und dann zog ich nach Konstantinovka in der Nähe von Artemovsk. Ich bin Geburtshelferin geworden und arbeitete in einer Entbindungsklinik. Nachdem ich dort 15 Jahre lang gearbeitet hatte, übertrug man mir den Erste-Hilfe-Posten im Dorf.

Ich habe geheiratet und blieb dann in Konstantinovka. Ich habe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mein Mann verstarb nach einem Schlaganfall 1985.

Es ist eine lange Leidensgeschichte und mit viel Angst verbunden. Wir waren damals halb verhungert, und so beschlossen wir, alles zusammenzupacken und 1996 nach Israel zu ziehen.

Und wie kamst du nach Sderot?

Zuerst kam ich nach Holon (bei Tel Aviv) in Israel. Ich wohnte dort zwei Wochen, doch die Miete für das Appartement betrug 500 Schekel, was ich mir nicht leisten konnte. In Sderot hatte ich eine Freundin, die auch aus Konstantinovka kam. Ich rief sie an und fragte sie, was ich tun sollte. Ich erklärte ihr, dass ich mir die Miete von 500 Schekel nicht leisten könnte. Sie fragte mich: „Möchtest Du nicht nach Sderot kommen?“ Ich antwortete ihr daraufhin, dass ich überall hingehen würde. So bin ich also nach Sderot gezogen.

Erzähle uns etwas über Sderot

Hier in Sderot leite ich schon seit 16 Jahren den Club für Holocaust- und Ghettoüberlebende. Wir haben hier eher die jüngeren unter ihnen, die 80 – 90 Jahre alt sind. Eine 92jährige, eine 93jährige und eine 98jährige Person sind kürzlich verstorben. Dies sind meine Leute, sehr alte und kranke, doch wenn wir irgendwelche Veranstaltungen haben, dann sage ich immer: „Gebe nicht auf, Kopf hoch! Sei guten Mutes trotz allem Schweren!“

Zu manchen Zeiten hatten wir bis zu 60 Qassam-Raketen, die aus dem Gazastreifen auf unsere Stadt geschossen wurden. Wir konnten nicht hinausgehen, um Brot zu kaufen, und saßen fest in unseren Wohnungen. Übrigens gibt es in jedem Appartement hier einen Luftschutzraum. So waren wir absolut sicher.

Wir haben unsere Häuser nicht verlassen, doch Beit Sar Shalom in Israel hat uns geholfen. Gott segne sie! Trotz der schwierigen Situation brachten sie uns einen großen LKW mit Lebensmitteln. Wir fürchteten uns und sagten ihnen, sie sollten zurückfahren! Ihr könnt hier nicht bleiben! Doch sie parkten in unserem Hof. Den Leuten, die in der Nähe wohnten, brachten sie persönlich die Lebensmittel, und denen, die weiter entfernt waren, transportierten sie die Lebensmittelpakete im Auto. Wir fürchteten, dass ihnen etwas Schreckliches zustoßen könnte. Es war die intensivste, „heißeste“ Operation. Beit Sar Shalom hilft uns wirklich viel. Nicht nur bringen sie uns die monatlichen Lebensmittelpakete, sie helfen sogar dabei, Wohnungen zu reinigen. Denn die Leute hier sind sehr alt und krank. Vor kurzem kamen erstaunliche junge Leute, die beim Saubermachen halfen! Und das ist noch nicht alles, was diese Organisation für uns tut. Sie organisieren für uns Ausflüge, verschiedene Events und natürlich tragen sie die Kosten. Vielen herzlichen Dank dafür!

Im letzten Jahr waren wir sogar am Toten Meer für eine ganze Woche. Ich könnte noch vieles erwähnen, was sie für uns tun. Es ist wirklich eine außerordentliche Arbeit! Ich bete für gutes Gelingen und dass wir weiterhin partnerschaftlich miteinander verbunden bleiben. Wir haben seit vielen Jahren mit ihnen zusammengearbeitet. Wir kennen uns alle gut. Sie sind einfach alle wunderbar!

Hat der Dienst von Beit Sar Shalom für dich auch in geistlicher Hinsicht eine Bedeutung?

All euren Helfern und Volontären möchte ich ganz herzlichen Dank sagen! Sie tun solch großartige Dinge! Weißt du, man kann es manchmal auf gewöhnliche Weise tun, und manchmal auch von ganzem Herzen und mit ganzer Seele.

Sie legen wirklich ihre ganze Seele da hinein. Siehst du, es geht nicht nur um materielle Dinge, es geht auch um die Gespräche, die wir während der Gemeinschaftszeiten haben, wenn wir mehr über Gott erfahren.

Ich kann einfach nur danken. Baruch HaShem! Preis dem Herrn! Wir sagen Baruch HaShem am Morgen und am Abend: am Morgen preisen wir Ihn dafür, dass wir aufwachen, und am Abend danken wir Ihm für einen weiteren Tag. Preis dem Herrn! Der Kühlschrank ist gefüllt, ich habe eine Wohnung. Viele Male muss ich Gott danken, auch für seine Vorsehung, dafür dass wir jetzt hier in unserem eigenen Staat leben können!

Jahrhunderte lang wollten uns – das jüdische Volk –  viele Menschen zerstören, aber es gelang ihnen nicht, und es wird ihnen niemals gelingen. Und tausend Dank euch allen, alfei todot, toda raba, vielen Dank für all eure Fürsorge und alles, was ihr für uns tut!

Vielen, vielen Dank!

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Quelle: Chosen People Ministries,
Übersetzung: B. Weghaus

 

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