Einiges zur Versöhnung zwischen Juden und Christen

Der Bedarf an Versöhnung

Die Beziehung zwischen Christen und Juden war im Lauf der Jahrhunderte nur selten harmonisch. Es war vielmehr √ľber lange Zeit so, dass Juden von denen, die sich Christen nannten, unterdr√ľckt, verfolgt, ausgegrenzt, ja sogar umgebracht wurden. Dies hat in der j√ľdischen Erinnerung viele Wunden und Narben hinterlassen. Die Juden sind am historischen Ged√§chtnis orientierte Menschen. Wir bauen unsere Identit√§t auf Schl√ľsselereignissen der Vergangenheit auf, angefangen mit der Verhei√üung an Abraham und unter Einbeziehung von Ereignissen wie dem Exodus, der Zerst√∂rung des Ersten Tempels, der Zerstreuung, des Aufstands der Makkab√§er, der Zerst√∂rung Jerusalems und des Zweiten Tempels. Wir erinnern uns an Masada, die Kreuzz√ľge, die Inquisition, die Pogrome, den Holocaust und die Gr√ľndung des Staates Israel. All diese sowie √§hnliche Ereignisse stellen nicht nur die j√ľdische “Geschichte”, sondern auch die j√ľdische “Gegenwart” dar, indem im Rahmen von Festen, Fastenzeiten und Gedenktagen die Erinnerung an sie wach gehalten wird. Die Geschichte des j√ľdischen Volkes bestimmt und beeinflusst seine Gegenwart. Deshalb √ľben die Wunden der Vergangenheit einen starken Einfluss auf die Beziehung und Haltung der Juden zur Kirche aus. Die Glaubw√ľrdigkeit der Kirche und infolgedessen das Zeugnis von Jesus werden durch die Linse der Erinnerungen kommuniziert – im Fall der Juden also durch die Linse der Wunden.

Die Wunden der Erinnerung zu heilen ist wichtig, sowohl um des j√ľdischen Volkes als auch um der Kirche willen. Den Juden kann dies helfen, ein positiveres Eigenidentit√§tsbewusstsein wiederzuerlangen und die Opfermentalit√§t, die die Beziehungen zu ihrer Umwelt bestimmt, abzulegen. Der Kirche kann die Heilung der Wunden helfen, sich selbst als eine Kirche wahrzunehmen, die Vergebung empfangen hat, und aus der bewussten oder unbewussten “T√§terrolle” herauszutreten. Pers√∂nliche emotionale Heilung steht in einem Zusammenhang mit zwischenmenschlicher Heilung – Vers√∂hnung. Diese zwei Dimensionen stehen in einer Wechselbeziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Emotionale Heilung und Vers√∂hnung unterscheiden sich von der moralischen Entscheidung zu vergeben und sind komplizierter als diese. In der Therapie beobachtet man immer wieder, dass die “Entscheidung zu vergeben die T√ľr zur emotionalen Heilung und zur Vers√∂hnung √∂ffnet, wenn diese Entscheidung gesch√ľtzt, besonnen und richtig ist. Heilung und Vers√∂hnung sind Aufgaben, f√ľr die viele, gleichwohl unterschiedliche Schritte n√∂tig sind, ausgehend von der grundlegenden geistlichen Entscheidung zu vergeben.”[2]

Bu√üe und Vers√∂hnung aus j√ľdischer Sicht

Der Zusammenhang zwischen Vers√∂hnung und Vergebung wird zwar unter Psychiatern diskutiert und ist wahrscheinlich kulturabh√§ngig,[3] doch um den Prozess der Vergebung, Vers√∂hnung und emotionalen Heilung in Gang zu setzen, erwartet man naturgem√§√ü Bu√üe vonseiten des T√§ters. Dies trifft besonders im Christentum und im Judentum zu. Die Bu√üe unterscheidet sich jedoch erheblich in den j√ľdischen und christlichen Traditionen in einigen Aspekten hinsichtlich ihrer Rolle und ihres Wesens.

Von umfassender Bu√üe gem√§√ü der j√ľdischen Tradition wird erwartet, dass sie nicht nur (1) ein verbales Bekenntnis und eine verbale Abbitte auf liturgischer und pers√∂nlicher Ebene beinhaltet, sondern auch (2) ein ehrliches Benennen des Vergehens und ein Eingest√§ndnis, dass es S√ľnde ist, (3) eine angemessene Wiedergutmachung, (4) eine Selbstverpflichtung, die S√ľnde nicht nochmals zu begehen, und (5) dass man der Versuchung widersteht, auf diese Weise zu s√ľndigen.[4] All diese Schritte sind notwendig, obgleich es m√∂glich ist, mit irgendeinem dieser Schritte zu beginnen. Im Judentum ist die Abwesenheit aller innerer negativen Gef√ľhle in Bezug auf den T√§ter nicht unbedingt das Ziel im Prozess der Vergebung. Obwohl dies w√ľnschenswert ist, konzentriert sich die j√ľdische Tradition auf realistischere Dinge.

Gem√§√ü der j√ľdischen Tradition kann nur der Schuldige das Unrecht wiedergutmachen, und nur derjenige, dem das Unrecht angetan wurde, kann vergeben. Mit anderen Worten ist der Schuldige daf√ľr verantwortlich, zu tun, was immer n√∂tig ist, um angemessen Bu√üe zu tun, w√§hrend das Opfer daf√ľr verantwortlich ist, die Bu√üe zuzulassen und anzunehmen. Obwohl es M√∂glichkeiten gibt, an einer gemeinsamen Bu√üe und Vergebung des j√ľdischen Volkes teilzunehmen, gibt es keinen Mechanismus der Bu√üe und Vergebung “im Namen eines anderen”.

S√ľnde entfremdet uns von unseren Mitmenschen und von Gott. Daher gibt es im Judentum mehr als eine Art von Vergebung. Die grundlegendste Art von Vergebung ist Mechila (“der Verzicht darauf, die Verschuldung des anderen geltend zu machen”). Wenn der Schuldige wahrhaftig und aufrichtig Bu√üe getan hat (Teschuva), sollte das Opfer sich bereit erkl√§ren, seine Schulden zu erlassen und die Schuldforderung gegen√ľber dem Schuldigen fallenzulassen. Dies beinhaltet aber weder Vers√∂hnung noch emotionale Heilung, sondern einfach nur, dass man zu dem Schluss kommt, dass der T√§ter dem Opfer nichts mehr schuldet.[5] Deswegen ist Vergebung im Judentum nichts Leichtes; – das Opfer ist nicht verpflichtet, Mechila anzubieten, es sei denn, dass die Bu√üe wirklich aufrichtig ist und dass die Schritte, um das Unrecht wiedergutzumachen, tats√§chlich get√§tigt worden sind.[6] Die zweite Art von Vergebung ist Selicha (“Vergebung”), von der man spricht, wenn das Herz zu einem tieferen Verst√§ndnis des S√ľnders vordringt und Empathie f√ľr ihn empfindet. Selicha ist keine Vers√∂hnung und beinhaltet nicht ein Akzeptieren des T√§ters, sondern bedeutet vielmehr, dass man zu dem Schluss gekommen ist, dass der T√§ter auch menschlich und schwach ist und dass ihm insofern Mitgef√ľhl zusteht. Die dritte Art von Vergebung ist Kappara (“S√ľhne”) oder Tahora (“Reinigung”). Dies ist die totale, existenzielle Reinigung von aller S√ľndhaftigkeit. Diese ultimative Form von Vergebung wird jedoch nur von Gott selbst gew√§hrt.[7]

Die Unzul√§nglichkeit der christlichen Bu√üe aus j√ľdischer Sicht

In der j√ľdischen Tradition wird eine starke Betonung auf Bu√üe gegen√ľber dem Opfer gelegt, w√§hrend die Bu√üe im Christentum vornehmlich an Gott gerichtet ist, um von ihm Reinigung und Vergebung der S√ľnden zu erlangen. Der auf das Opfer gerichtete Aspekt bleibt dabei in vielen F√§llen zweitrangig und wird in manchen F√§llen sogar g√§nzlich missachtet. Vom Standpunkt j√ľdischer Opfer aus gesehen kann eine solche Bu√üe bedeutungslos, ja sogar anst√∂√üig anmuten, besonders dann, wenn sie keine Wiedergutmachung und keine radikale Verhaltens√§nderung beinhaltet.

In dieser Hinsicht ist die Katholische Kirche ein gutes Anschauungsbeispiel. Das Dokument der Kommission f√ľr die Religi√∂sen Beziehungen zu den Juden, Wir erinnern: Eine Reflexion √ľber die Schoah[8], enth√§lt Aussagen, die sich mit der Frage der Bu√üe der Kirche auseinandersetzen, und die in dem Dokument der Internationalen Theologischen Kommission, Erinnerung und Vers√∂hnung: Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit (Dezember 1999) wiederholt und bekr√§ftigt wurden. Nach dem Eingest√§ndnis der turbulenten Beziehung zwischen Christen und Juden in der Vergangenheit und nachdem darauf hingewiesen wird, dass einige Christen es vers√§umt haben, die Liebe Jesu in Bezug auf das j√ľdische Volk w√§hrend des Holocaust beispielhaft auszuleben, hei√üt es: “Diese Tatsache bedeutet f√ľr alle Christen von heute einen Appell an das Gewissen zu einem ‚ÄöAkt der Reue (Teschuva)‚Äė. Er soll ein Ansporn sein, die Anstrengungen zu verdoppeln, ‚Äösich zu wandeln und im Denken zu erneuern‚Äė (R√∂m.12,2) sowie ein ‚Äömoralisches und religi√∂ses Ged√§chtnis‚Äė angesichts der dem j√ľdischen Volk geschlagenen Wunden aufrechtzuerhalten. Was in diesem Bereich schon alles getan wurde, kann bekr√§ftigt und vertieft werden.” Obwohl das wahrscheinlich das Beste war, wozu die Kirche zu der Zeit f√§hig war, konnte es vom j√ľdischen Standpunkt aus dennoch nicht als “Bu√üe” wahrgenommen werden. Um es als Teschuva ansehen zu k√∂nnen, w√ľrde man j√ľdischerseits von der Kirche erwarten, dass sie die S√ľnden der Vergangenheit benennt und zugleich die verursachten physischen, emotionalen und finanziellen Traumata eingesteht. Bu√üe √ľber Antisemitismus sollte auch beinhalten, dass man den heutigen Antisemitismus kritisiert und bek√§mpft. Wenn die Kirche sich als Fortsetzung der vorangegangenen Generationen sieht, sollte sie die Willigkeit zum Ausdruck bringen, konkrete Entsch√§digungen f√ľr die vergangenen Vergehen der Kirche in irgendeiner Form anzubieten. Es ist zu hoffen, dass die Katholische Kirche seither einige neue Erkl√§rungen herausgebracht hat, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, aber ich bin mir solcher Erkl√§rungen nicht bewusst. Wie dem auch sei, nach den oben erw√§hnten Dokumenten zu urteilen, ist die Bu√üe der Katholischen Kirche vom j√ľdischen Standpunkt aus gesehen unvollst√§ndig.[9] Sie ist bei Weitem nicht hinreichend, um Vers√∂hnung und emotionale Heilung zu bewirken, und erf√ľllt noch nicht einmal die erforderlichen Voraussetzungen f√ľr Mechila, die elementarste Vergebung vonseiten des j√ľdischen Volkes.

Nehmen wir auch als Beispiel die Erkl√§rung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD, die offizielle protestantische Kirche in Deutschland) zu “Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubil√§um” vom November 2015. Indem man einr√§umt, dass Luthers Schriften einige schreckliche antisemitische Passagen enthalten, hei√üt es in dem Dokument: “Wir erkennen, welchen Anteil die reformatorische Tradition an der schmerzvollen Geschichte der ‚ÄěVergegnung‚Äú (Martin Buber) von Christen und Juden hat. Das weitreichende Versagen der Evangelischen Kirche gegen√ľber dem j√ľdischen Volk erf√ľllt uns mit Trauer und Scham. Aus dem Erschrecken √ľber historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg j√ľdischer Menschen erw√§chst heute die besondere Verantwortung, jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegenzutreten.” Obwohl diese Erkl√§rung Aufrichtigkeit erkennen l√§sst sowie Reue und den Wunsch, sich in Zukunft anders zu verhalten, vers√§umt es die Erkl√§rung jedoch, von der j√ľdischen Sichtweise der Bu√üe aus betrachtet, die S√ľnden konkret zu benennen und daf√ľr Entsch√§digung zu bieten. Daher geht die Erkl√§rung nicht weit genug, um selbst die elementare Mechila zu erm√∂glichen.

Obwohl einzelne nicht-denominationsgebundene christliche Gemeinden sowie einige kleinere christliche Denominationen eine vollst√§ndigere Bu√üe im Namen des Christentums getan haben, wurde die Wirkung dieser Bu√üe vornehmlich nur auf der lokalen Ebene wahrgenommen. Die gro√üen Denominationen haben es meist noch nicht einmal in Erw√§gung gezogen, solches zu tun. Die allgemeine Annahme (sowohl j√ľdischer als auch christlicherseits) ist die, dass die historischen Kirchen allein f√ľr das Leiden der Juden verantwortlich sind. Daher haben die Juden bis heute noch nie erleben k√∂nnen, dass die Christen in ihrer Gesamtheit Bu√üe so tun, wie Bu√üe vom j√ľdischen Standpunkt aus zu verstehen ist.

Deswegen hat es bis heute noch keine Gelegenheit gegeben, den Christen insgesamt Vergebung anzubieten. Infolgedessen bleibt Vers√∂hnung und Heilung der Wunden in der Erinnerung eine Unm√∂glichkeit. Wie bereits festgestellt, ist es im Judentum so, dass f√ľr Bu√üe und Vergebung ausschlie√ülich die Betroffenen selbst verantwortlich sind. Obwohl wir in der j√ľdischen Denkweise Konzepte pers√∂nlicher Vergebung und gemeinschaftlicher Bu√üe sowie pers√∂nlicher Bu√üe im Namen des Volkes finden, finden wir keinen Hinweis auf das Gew√§hren von Vergebung im Namen der ganzen Nation. Tats√§chlich gibt es in der j√ľdischen Denkweise keinen formalen Mechanismus, durch den Juden der Kirche f√ľr die lange Geschichte antisemitischer Lehre und Verfolgung, die im Holocaust gipfelte, gemeinschaftlich vergeben k√∂nnten (weder Mechila, noch Selicha). Im √úbrigen gibt es keine designierte h√∂chste j√ľdische Instanz, die im Namen des j√ľdischen Volkes als Ganzes eine gemeinsame Vergebung gew√§hren k√∂nnte.[10] Infolgedessen k√∂nnen selbst j√ľdische Nachfolger Jeschuas nicht im Namen des j√ľdischen Volkes Christen Vergebung anbieten. Die einzige Art von Vergebung, die √ľbrig bleibt, ist Kappara (“S√ľhne”), die nur von Gott allein kommt.

Was der Apostel Paulus √ľber Vers√∂hnung zu sagen hat

Die Vers√∂hnung von Juden und Nichtjuden, die aufgrund von unterschiedlichen Denkweisen bez√ľglich Vergebung und Bu√üe sowie vorgenannter Faktoren aus menschlicher Sicht unm√∂glich erscheint, wird Wirklichkeit durch Jeschua (Jesus). Eine kraftvolle Botschaft der Vers√∂hnung in beiden Dimensionen, sowohl der horizontalen (Juden und Nichtjuden) als auch der vertikalen (Menschen mit Gott), finden wir in Epheser 2,11-22.

Gem√§√ü Epheser 2,11-13 sind nichtj√ľdische Gl√§ubige in Ephesus im Messias mit Israel vereint und erhalten Zugang zu Gott. Dies war vor ihrer Erl√∂sung im Messias nicht m√∂glich. In seiner Erkl√§rung in Eph. 2,14-18 schreibt Paulus, dass diese dramatische Ver√§nderung geschah, weil der Messias selbst der Friede ist, er, der Frieden gemacht und Frieden verk√ľndigt hat. Insbesondere werden die Nichtjuden mit Israel zusammengef√ľgt und erhalten Zugang zu Gott, weil der Messias der eins-machende Friede der Juden und Nichtjuden ist. Er ist es, der die komplexe Trennung und Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden beseitigt hat (Vers 14), indem er die trennenden Gesetzesregulierungen rechtlich au√üer Kraft gesetzt hat. Gem√§√ü der komplexen Struktur der paulinischen Argumentation an dieser Stelle f√ľhrte diese rechtliche Ver√§nderung dazu, dass sie ein Volk wurden, wodurch Frieden zwischen Juden und Nichtjuden geschaffen wurde (Vers 15). Der Sinn hinter der Schaffung dieser Einheit war es, beide, Juden und Nichtjuden, durch die Zerst√∂rung der Feindschaft zwischen ihnen und Gott in einem Volk mit Gott zu vers√∂hnen (Vers 16). Der Tod des Messias war das ultimative Mittel, um Vers√∂hnung zwischen dem j√ľdischen Volk und den Nichtjuden und zwischen beiden und Gott zu bewirken. Das Opfer Jeschuas wird beschrieben als das Mittel, um in beiden Dimensionen, horizontal und vertikal, Frieden zu schaffen. Es ist der kostspieligste und zugleich der einzig annehmbare Preis f√ľr den vollen zweidimensionalen Frieden. So ist der Messias der vereinende Friede f√ľr Juden und Nichtjuden und zugleich f√ľr beide mit Gott.

Es ist offensichtlich, dass es in dem Text um j√ľdische und nichtj√ľdische Nachfolger Jeschuas geht. Die Betonung liegt in dieser Bibelstelle auf der letztendlichen Einheit zwischen den beiden Gruppen – von “zwei” zu “einem”. Diese horizontale Vers√∂hnung ist die Grundlage f√ľr die vertikale Vers√∂hnung der beiden Gruppen mit Gott. Bu√üe als Voraussetzung f√ľr Vers√∂hnung auf der horizontalen und der vertikalen Ebene wird im Text nicht ausdr√ľcklich erw√§hnt. Die Betonung liegt ganz klar auf der Rolle Jeschuas and auf dem, was er getan hat, um die Vers√∂hnung zu bewirken. Jeschua ist bei beiden Vers√∂hnungen der entscheidende Handelnde. Er bringt sie zustande, w√§hrend j√ľdische und nichtj√ľdische Nachfolger scheinbar passive Handlungsempf√§nger seines Erl√∂sungswerkes bleiben. J√ľdische Nachfolger, ebenso wie Nichtjuden, sind unerl√§sslich f√ľr die Erl√∂sung, w√§hrend die Vers√∂hnung zustande gebracht wird, indem die Nichtjuden mit dem j√ľdischen Volk zusammengebracht werden.

Gem√§√ü Epheser 2,11-22 sind die j√ľdischen Nachfolger Jeschuas in der gegenw√§rtigen Phase der entscheidende und grundlegende Teil des einen “Leibes”. Auf eine geheimnisvolle himmlische Weise sind Nachfolger Jeschuas aus anderen Nationen, selbst ohne dass sie dies beabsichtigen, mit den Nachfolgern aus dem Volk Israel zusammengef√ľgt. Dies ist die tiefste und vollkommenste in der Bibel beschriebene Vers√∂hnung zwischen Juden und Nichtjuden. Diese Vers√∂hnung ist unabh√§ngig von kulturellen Grenzen und wird nicht durch Kommunikationsprobleme beeintr√§chtigt oder gef√§hrdet. W√§hrend die Vers√∂hnung auf der menschlichen Ebene unm√∂glich erscheint, ist diese g√∂ttliche Vers√∂hnung vollkommen. Hierbei sind j√ľdische Gl√§ubige nicht nur ein Beweis daf√ľr, dass vollkommene Vers√∂hnung m√∂glich ist, vielmehr sind sie ein grundlegendes Element einer solchen Vers√∂hnung. Ihr sichtbares Vorhandensein im Leib des Messias ist daher von entscheidender Bedeutung. Zwar heilt diese Vers√∂hnung nicht automatisch die Wunden in der Erinnerung, aber sie schafft dennoch mit Sicherheit die bestm√∂gliche Grundlage f√ľr die Heilung.

Einige abschließende Bemerkungen

J√ľdische Nachfolger Jeschuas sind in einer strategischen Lage, da sie dem j√ľdischen Volk und zugleich dem Leib des Messias angeh√∂ren. Dies er√∂ffnet ihnen eine einzigartige M√∂glichkeit, als Insider zu fungieren, wenn Bu√üe und Vergebung angestrebt werden. ¬†J√ľdische Gl√§ubige k√∂nnen zu lebendigen Beispielen von Vers√∂hnung und Heilung werden, indem sie aufgrund des Erl√∂sungswerkes des Messias auf pers√∂nlicher Ebene F√ľrbitte tun, Bu√üe tun und Vergebung gew√§hren.

Obwohl es nur durch das Eingreifen Gottes m√∂glich ist, die Aufgabe zu bew√§ltigen, sollte die Liebe Gottes die Kirche dennoch dazu bewegen, wenigstens einige Schritte zu unternehmen, um den Wunsch nach Vers√∂hnung gem√§√ü der j√ľdischen Denkweise zum Ausdruck zu bringen und um dadurch zu bewirken, dass die Juden offen f√ľr Vers√∂hnung werden, die die Wunden in der Erinnerung heilt. Die Kirche sollte spezielle S√ľnden der Vergangenheit in Bezug auf das j√ľdische Volk einsehen und bekennen und aufrichtig daf√ľr Bu√üe tun. Sie sollte zugleich den Antisemitismus bek√§mpfen und sich aktiv darum bem√ľhen, dem j√ľdischen Volk Gutes zu tun. J√ľdische Nachfolger Jeschuas k√∂nnten mit gutem Beispiel vorangehen und die Kirche immer wieder ermutigen, dies zu tun.

J√ľdische Gl√§ubige k√∂nnen helfen, dem j√ľdischen Volk und der Kirche die “J√ľdischkeit” Jeschuas, des Evangeliums, des Neuen Testaments, ja selbst des Christentums zu erl√§utern.

Somit sind die j√ľdischen Nachfolger Jeschuas von grundlegender Bedeutung f√ľr die gottgewollte Vers√∂hnung der Menschen untereinander und der Menschheit mit Gott. Als solche identifiziert zu werden, ist ein Zeichen dieser Vers√∂hnung, dem eine entscheidende Bedeutung zukommt, und er√∂ffnet j√ľdischen Nachfolgern Jeschuas einzigartige M√∂glichkeiten, ihren ganz speziell j√ľdischen Beitrag zu leisten, damit der Vers√∂hnungsplan Gottes f√ľr das j√ľdische Volk und die Kirche in Erf√ľllung geht. Dies wird auf nat√ľrliche Weise zur Heilung der Wunden in der Erinnerung beitragen und diese herbeif√ľhren. Die praktischen Schritte, die notwendig sind, um diese Rolle zu erf√ľllen, k√∂nnten ein gutes Thema f√ľr weitere Diskussionen sein.

Von Wladimir Pikman

 

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[1] Gek√ľrzte Fassung des Originalvortrags ‚ÄěEssential Role of Jewish Followers of Jesus in Reconciliation in Pauline Theology‚ÄĚ von Wladimir Pikman, gehalten auf ¬†der Konferenz ‚ÄúHelsinki Consultation for the Jewish Continuity in the Body of the Messiah‚ÄĚ in Krakau/Polen (Juli 2017). √úbersetzt von James Peter Darby.
[2] Harry J. Aponte, “Love, the Spiritual Wellspring of Forgiveness: An Example of Spirituality in Therapy”, Journal of Family Therapy 20, Nr. 1 (1998): 42-3.
[3] vgl. Richard S. Balkin, Stephen J. Freeman, und Steve R. Lyman, “Forgiveness, Reconciliation, and Mechila: Integrating the Jewish Concept of Forgiveness into Clinical Practice”, Counseling and Values 53, Nr. 2 (2009): 154-5.
[4] Teschuva ist das Schl√ľsselkonzept in der rabbinischen Auffassung von S√ľnde, Bu√üe und Vergebung. In der rabbinischen Tradition ist es Konsens, dass f√ľr Bu√üe f√ľnf Elemente erforderlich sind: Eingest√§ndnis seiner S√ľnden als S√ľnden (und nicht lediglich als unterlaufene Fehler oder Versehen), Reue, Unterlassen der S√ľnde (vors√§tzliche Handlung – aufzuh√∂ren zu s√ľndigen), Wiedergutmachung wo immer m√∂glich (die Handlung, verursachte Sch√§den, so gut wie es einem m√∂glich ist, wiedergutzumachen), und das Bekennen (auf liturgischer und pers√∂nlicher Ebene); vgl. David R. Blumenthal, “Repentance and Forgiveness,” Cross Currents 48, Nr. 1 (1998): 78-79.
[5] Das Judentum beinhaltet auch das Konzept des Takkanat ha-Schavim (w√∂rtl. “die Verf√ľgung bez√ľglich des Bu√üfertigen”) – Bu√üe einhergehend mit Mitleid je nach dem zugef√ľgten Unheil befreit den S√ľnder von den Konsequenzen; vgl. mGittin 5:5; bGittin 55a. Der Kerngehalt des Begriffs ist Ermutigung zu sp√§terem richtigen Verhalten durch Belohnung desselben, so dass die Konsequenzen von vorherigen illegalen Handlungen abgemildert werden; vgl. A. D. Panken, The Rhetoric of Innovation: Self-Conscious Legal Change in Rabbinic Literature (University Press of America, 2005), 199.
[6] “Das Prinzip, dass Mechila nur gew√§hrt werden sollte, wenn es auch verdient wird, stellt das gro√üe j√ľdische “Nein” zur billigen Vergebung dar. Es geh√∂rt zum Kern der j√ľdischen Auffassung von Vergebung, so wie das Ablassen von der S√ľnde zum Kern der j√ľdischen Auffassung von Bu√üe geh√∂rt. Ohne guten Grund sollte die Person, der Unrecht angetan wurde, nicht darauf verzichten, die Verschuldung des S√ľnders geltend zu machen; sonst w√ľrde der S√ľnder m√∂glicherweise nie echt Bu√üe tun und das Unheil w√ľrde fortbestehen. Und umgekehrt ist die Person, der Unrecht angetan wurde, moralisch verpflichtet, die Schulden zu erlassen oder auf die Schuldforderung zu verzichten, wenn es daf√ľr gute Gr√ľnde gibt. Dies ist das gro√üe j√ľdische “Ja” zur M√∂glichkeit der Bu√üe, die jedem S√ľnder offensteht.” Blumenthal: 79-80.
[7] vgl. ebd.: 80
[8] Kommission f√ľr die Religi√∂sen Beziehungen zu den Juden, We Remember: A Reflection on the Shoah [Wir erinnern: Eine Reflexion √ľber die Schoah], Rom (16. M√§rz 1998), III, in Informationsdienst des P√§pstlichen Rates zur F√∂rderung der Einheit der Christen, Nr. 97, 19.
[9] Siehe die ausgedehnte Diskussion in Solomon Schimmel, Wounds not Healed by Time: The Power of Repentance and Forgiveness [Wunden nicht durch die Zeit geheilt: Die Kraft von Buße und Vergebung] (Oxford; Oxford University Press, 2002), 211-15.
[10] vgl. Blumenthal: 80.