Gedanken zu Sukkot

Nahezu jedes Jahr – ja, man könnte es beinahe eine Tradition nennen – entsteht pünktlich zu Sukkot, dem jüdischen Laubhüttenfest, in meiner Gemeinde eine Diskussion. Dabei geht es um folgende Frage: Muss man tatsächlich jede Nacht des einwöchigen Festes in der Sukka (Laubhütte) verbringen oder genügt es, zwei Mal täglich eine Mahlzeit in der Sukka einzunehmen?

Letzteres hatte vor rund 1900 Jahren Rabbi Elieser vorgeschlagen (vgl. Talmud, Sukka 27a) und dieser Vorschlag wurde, vor allem von Juden in der Diaspora, seither stets gerne angenommen. Denn im Gegensatz zu den klimatischen Bedingungen in weiten Teilen Israels, ist Camping im September/Oktober nicht in allen Regionen der Welt besonders angenehm.

Nun könnte man monieren, dass es ja genau darum geht. Immerhin soll laut 3. Mose 23,42+43 das Laubhüttenfest an die vierzigjährige Wüstenwanderung der Israeliten erinnern, die ebenfalls alles andere als angenehm war. Wie also kam Rabbi Elieser überhaupt auf diese Idee?

Offensichtlich hat seine Argumentation mit dem Wortlaut der beiden genannten Verse zu tun. Diese beginnen nämlich mit dem Satz: „In Laubhütten sollt ihr wohnen sieben Tage.“ Jedoch kann das hebräische Verb „wohnen“ ebenso gut mit „sitzen“ übersetzt werden. Das Gebot wird daher gemeinhin als erfüllt betrachtet, wenn man sich zu den Mahlzeiten in der Sukka versammelt.

Dass allerdings das Sitzen von den Israeliten der Bronze- und Eisenzeit anders verstanden wurde, zeigen verschiedene Bibelstellen. So ist z.B. in 1. Mose 13,12 die Rede davon, dass Avraham (Abraham) im Land Kanaan saß und Lot in der Jordanebene. Ähnlich verhält es sich mit den Nachkommen der Hure Rachav (Rahab), über die es in Jos 6,25 heißt, sie säßen „bis zum heutigen Tag“ in Israel. Und 2 Chr 11,5 zufolge, saß Rechav’am (Rehabeam) während seiner Regentschaft in Jerusalem.

Es zeigt sich also, dass das Sitzen in der hebräischen Bibel häufig nicht den spontanen Akt des sich Setzens meint, den man jederzeit durch das Aufstehen wieder rückgängig machen kann. Vielmehr bezieht sich der Begriff auf ein dauerhaftes Residieren. Genau genommen gibt es sogar im Deutschen eine Entsprechung, die mit dem Sitzen zu tun hat, nämlich das Wort „sesshaft“. Auch dieses beschreibt ja eher einen andauernden Zustand als einen einmaligen Vorgang.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Israeliten nach der Landnahme von ihrem Gott, den sie als über den Keruvim sitzend beschrieben (1 Sam 4,4; 2 Sam 6,2; 1 Chr 13,6), erwarteten, dem Volk dauerhaft zur Verfügung zu stehen – und zwar an dem Ort, den er selbst als Residenz auserwählt hatte, nämlich im Mischkan (Stiftshütte) in Schilo bzw. später im Bet haMikdasch (Tempel) in Jerusalem.

Im Laufe der Zeit scheint dabei übersehen worden zu sein, dass Gott bei all seiner Bundestreue eben gerade nicht verfügbar ist, sondern souverän. Es muss sich allmählich der Irrtum durchgesetzt haben, man hätte Gott gewissermaßen gezähmt bzw. ihn in Jerusalem eingesperrt. Folglich war der Gehorsam gegenüber Gottes Wort nicht mehr notwendig. Er selbst war ja schließlich sicher verwahrt und so drohte keine Gefahr.

Zahlreiche Propheten versuchten immer wieder, auf genau diesen Irrtum, der längst zu einer Irrlehre geworden war, aufmerksam zu machen, allerdings hatten die wenigsten von ihnen Erfolg. Und so trat das ein, wovor sie stets zu warnen versucht hatten: Jerusalem mitsamt dem Tempel wurde zerstört, das Königreich Juda eine babylonische Provinz und nahezu alle einstmaligen Bewohner kamen als Gefangene nach Mesopotamien.

In dieser Zeit spielt auch die Geschichte des Propheten Jecheskel (Hesekiel). Er nimmt eine außergewöhnliche Stellung unter den biblischen Propheten ein, da er im Gegensatz zu den anderen außerhalb des gelobten Landes, nämlich im Exil von Gott berufen wurde. Und schon diese Tatsache stellt eine ungeheure Überraschung dar. Dass ein auf dem Thron sitzender Gott Menschen zu einem bestimmten Dienst berufen konnte, das war den Judäern des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts mit Sicherheit bekannt. Denn schon knapp zwei Jahrhunderte zuvor war genau das Jeschajahu (Jesaja) widerfahren (vgl. Jes 6). Allerdings hatte dieser sich auch in der Residenz Gottes, also im Bet haMikdasch befunden. In Hes 1 zeigt sich aber etwas Ungewöhnliches: der Thron Gottes ist mobil! Entgegen der (damals) verbreiteten Meinung, die Herrlichkeit Gottes sei an ein bestimmtes Gebäude oder einen bestimmten Ort gebunden, zeigt diese ungewöhnliche Berufungsgeschichte, dass Gott, obwohl er sitzt, überall sein kann. Die Gegenwart Gottes kann also nicht nur an bestimmten Orten erlebt werden, sondern vielmehr begleitet Gott sein Bundesvolk überall hin.

So heißt es denn auch in 5. Mose 30,4: „Wenn deine Verstoßenen am Ende des Himmels wären, selbst von dort wird der HERR, dein Gott, dich sammeln, und von dort wird er dich holen.“ Ein Vers, der in vielen jüdischen Gemeinden am Ende des Gottesdienstes bzw. der Liturgie gesprochen wird.

Und auch Sukkot soll genau hieran erinnern – egal ob man in der Sukka schläft, darin isst oder sich theoretisch mit dem Thema beschäftigt. Tatsache ist, dass Gott sein Volk in der Wüste stets begleitet und ihm den Weg gewiesen hat. Und dasselbe tut er noch heute. Gott wacht nicht nur vom Himmel aus über sein Volk, nein, er wohnt mitten unter den Menschen.

In Joh 1,14 heißt es sogar: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Gott wurde Mensch. Aus diesem Grund erinnern einige messianische Juden sich an Sukkot nicht nur an die vierzigjährige Wüstenwanderung, sondern auch an die Geburt Jeschuas. Denn eine der vielleicht wichtigsten Lehren dieses Festes lautet: Gott ist da – egal wo ich gerade bin. Diese Aussage bekräftigt Jeschua höchstpersönlich in Mt 28,20 und spricht sie zugleich allen seinen Nachfolgern zu – unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“

In diesem Sinne: “Chag Sameach!” (frohes Fest)

Magnus J. Grossmann

 

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