Wladimir Pikman ist Leiter des j├╝disch-messianischen Evangeliumsdienstes ÔÇ×Beit Sar ShalomÔÇť, was so viel hei├čt wie ÔÇ×Haus des Friedef├╝rstenÔÇť. Beit Sar Shalom wird von der Evangelischen Allianz anerkannt. Der Rat der EKD bleibt jedoch auf Distanz, da eine Unterst├╝tzung als Judenmission abgelehnt wird. Messianische Juden glauben wie Christen, dass Jesus Christus der angek├╝ndigte Messias ist. Sie haben sich aber viele j├╝dische Traditionen bewahrt. Michaela Koller befragte Pikman zur Identit├Ąt der messianischen Juden, ihrer Position zwischen Juden und Christen und christliche Wege zur ├ťberwindung des Antisemitismus.

Herr Pikman, viele christliche Gruppen waren beim Kongress ÔÇ×Antisemitismus heuteÔÇť in Schw├Ąbisch Gm├╝nd dabei, die sich um Auss├Âhnung mit Juden und mit Israel bem├╝hen. Ihre Entstehung ist oftmals eng mit der Gedenkarbeit verbunden, damit der NS-V├Âlkermord an den europ├Ąischen Juden nicht vergessen wird. Die Konzentration auf diese Aufgabe kann aber dazu f├╝hren, dass Begegnungen mit den heute lebenden Juden allein durch die Brille der Erinnerung gesehen werden. Wie ist es Ihnen damit im Gespr├Ąch ergangen? Sie reagierten heftig in einer Diskussionsrunde, in der es hie├č, die Juden sollten ÔÇ×Stachel im FleischÔÇť zur Erinnerung an den Holocaust bleibenÔÇŽ.

┬áDies ist ein sehr negativer Ausdruck. Biblisch gesehen ist der ÔÇ×Stachel im FleischÔÇť etwas, was am Dienst hindert, was schw├Ącht. Wenn Juden also als ÔÇ×Stachel im FleischÔÇť bezeichnet werden, ist dies negativ gepr├Ągt. Obwohl es nicht so gemeint war, klingt es wie ein Angriff.

Das Bild passt also nicht. Aber wollen Sie diese Rolle, die damit wohl eigentlich gemeint war, ├╝berhaupt ├╝bernehmen?

┬áEs gibt Stolpersteine und es gibt Menschen. Es gibt einen radikalen Unterschied zwischen Holocaust-Mahnmal, KZ-Gedenkst├Ątte und Juden. Ich habe mehrfach gesagt, dass ich es als traurig empfinde, dass Juden zur Erinnerung dienen sollen, als Gedenkst├Ątten, Stolpersteine, oder Mahnmale. Es ist ungl├╝cklich f├╝r die Juden in Deutschland und f├╝r die deutsch-israelischen Beziehungen. Ich will nicht als Stolperstein betrachtet, sondern als Mensch wahrgenommen werden. Ich m├Âchte etwas Positives beitragen.

Darf ich Sie bitten zu erkl├Ąren, worin das J├╝dische Ihrer Identit├Ąt besteht, wenn Sie sich zugleich zu Jesus Christus bekennen?

┬áIch bin als Jude geboren, in Kiew in der Ukraine. Meine Eltern und alle Gro├čeltern sind Juden. Damals in der Sowjetunion stand das sogar in meinem Pass als Volkszugeh├Ârigkeit. Gem├Ą├č der rabbinischen Tradition bezieht sich j├╝disch zu sein eher auf die Ethnie oder Abstammung. Nach dem Holocaust hat sich das radikal ge├Ąndert, da man mit Blick auf den Rassismus vom Ethnischen wegkommen wollte. Ich bin mit einer starken j├╝dischen Identit├Ąt ohne den Glauben an Gott aufgewachsen, als Atheist in der dritten Generation, was in der Sowjetunion so der Fall war. Dann bin ich Zionist geworden und kam danach zum Glauben an Gott, sp├Ąter ÔÇô aus dem Tanach (die hebr├Ąische Bibel, Anm. d. Red.) heraus und durch das Wirken des Geistes Gottes – zum Glauben an Jesus als den Messias.

┬áWas hat sich dadurch hinsichtlich Ihrer Identit├Ąt f├╝r Sie ver├Ąndert?

Mein Judesein ergab auf einmal Sinn, ich verstand die Bedeutung. Fr├╝her qu├Ąlte es mich, ein Jude zu sein, da wir st├Ąndig ausgegrenzt und unterdr├╝ckt wurden. Es lastete auf mir, und ich mochte das nicht. Erst als ich an Jesus zu glauben begonnen hatte, bejahte ich es und erkannte Jude zu sein als eine Aufgabe. Jesus ist Jude, die Apostel waren Juden. Mein Glaube an Jesus verst├Ąrkte meine j├╝dische Identit├Ąt und meine j├╝dische Berufung in dieser Welt. Schabbat ist mein Ruhe- und Lobpreistag. Ich halte mich an bestimmte Speisegebote, feiere biblische Feste, die Juden gegeben wurden. Schon der Apostel Paulus schrieb ├╝ber sich, er sei ein Hebr├Ąer.

Nun betrachtet Israel messianische Juden nicht als Juden. Wie gehen Sie damit um?

Es ist einerseits traurig, denn wer uns nicht als Juden betrachtet, begeht einen Fehler. Andererseits, wenn mir jemand sagen w├╝rde, ich sei kein Mann, sondern eine Frau, dann w├╝rde ich lachen. Ich bin froh und zufrieden mit dem, was ich bin. Jeden Morgen danke ich dem Herrn, dass ich ein Jude bin.

┬áNun f├╝hlen sich Juden tats├Ąchlich beleidigt, verletzt, gar in der Existenz als Gemeinschaft bedroht, wenn sie von der Judenmission erfahren. Haben Sie sich mit dieser Perspektive besch├Ąftigt?

Das kann ich gut nachvollziehen. Sie f├╝hlen sich bedroht, da die Geschichte der Beziehungen zwischen der Kirche und den Juden nicht immer rosig war. Wir messianische Juden tragen jetzt die Konsequenzen, der Konflikt ist auf uns ├╝bertragen worden. Nicht wir sind daran schuld, sondern die Kirche in der Geschichte, die versuchte, Juden zu missionieren, damit sie nicht mehr Juden sind. Wenn man jetzt nat├╝rlich von Judenmission h├Ârt, denkt man an Proselytismus. Das machen wir nicht.

Was k├Ânnen wir zusammen gegen Antisemitismus jenseits aller Unterschiede beitragen?

┬áIch m├Âchte die Frage spezifizieren: Was k├Ânnen Christen dagegen tun? Erstens: Jesus als den Messias Israels erkennen und verk├╝ndigen. Dadurch wird Antisemitismus in der christlichen Mitte bek├Ąmpft. Christen k├Ânnten ungef├Ąhr so denken und sagen: Wir lieben Juden, weil wir Jesus als den gr├Â├čten Juden, der je gelebt hat, lieben. Er hat so viel f├╝r uns getan. Zweitens: Die Evangelisierung nach au├čen. Wenn man durch das Wirken des Heiligen Geistes zum Glauben an Jesus kommt, dann wird man zur Liebe f├╝r Israel und die Juden kommen. Ich habe das so erlebt, auch bei Arabern und sogar bei Menschen, die noch nie Juden getroffen haben. Also: Jesus als Jude erkennen, bekennen und evangelisieren.