Ist das Volk Israel die Erfüllung der Verkündigung aus Jesaja, Kap. 53?

DER EINWAND

Der Judaismus lehrt, dass Jesaja, Kap. 53, seine Erfüllung im Leiden und im Überleben des Volkes Israel findet, das die Sünden der Heidenvölker getragen hat. Raschi und andere entwickelten diese Erwiderung während des Mittelalters, als jüdische Menschen oft dafür verfolgt wurden, dass sie nicht an Jesus glaubten. Diese Verfolgung ist ein schädlicher Einfluss auf die Geschichte und gibt nicht die Wahrheit wieder, wie Gott wollte, dass sie in das Leben Eingang findet. Es ist jedoch verständlich, dass sich einige unserer großen Rabbiner dazu entschlossen haben, Jesaja, Kap. 53, in dieser Weise auszulegen.

DIE ANTWORT

Wenngleich wir auch die Gründe verstehen, so entspricht diese Auslegung nicht der klaren Lehre, wie wir sie in dem Text von Jesaja, Kap. 53, niedergelegt finden. Hier sind einige der Gründe dafür, warum sich diese Prophetie nicht auf das Volk Israel beziehen kann, sondern vielmehr in der Person des Messias erfüllt werden muss:

Israel ist nicht der unschuldig Leidende, der in diesem Abschnitt beschrieben wird.

Israel als Volk war sündhaft, wie es in den vorhergehenden Kapiteln des Buches Jesaja beschrieben wird – insbesondere in den Kapiteln 1 und 5. Jesaja erläutert, dass dieser Diener „kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist (Jes. 53:9 Anm. des Übersetzers: alle deutschen Bibel-Zitate nach der Scofield-Bibel, Revidierte Elberfelder Übersetzung, 2. Aufl. 1993).

Israel wird von den Propheten nicht als unschuldig Leidender dargestellt. Der Prophet Jesaja beispielsweise beschreibt Israel als „sündige Nation, schuldbeladenes Volk, Geschlecht von Übeltätern…“ (Jes. 1:4).

Israel ist nicht ein schweigend das Leiden Erduldender, so wie er in dem Abschnitt beschrieben wird.

Es gibt zahlreiche herausragende Beispiele dafür, dass das jüdische Volk niemals nur schweigend das Leiden erduldet hat. Selbst dann, wenn der Holocaust als Beispiel dafür herangezogen wird, dass Israel ohne Beschwerde das Leiden ertrug, kann auf gleiche Weise gezeigt werden, dass unser Volk über gut organisierte Widerstandsbewegungen verfügte und erst dann schweigend litt, als die schreckliche Wirklichkeit der „Endlösung“ unvorbereitet über es hereinbrach.

Israel ist niemals gestorben, so wie die Person, die in dem Abschnitt beschrieben wird.

Es ist augenfällig, dass Israel niemals gestorben ist. Die Nation fuhr über die Jahrhunderte hinweg fort, eine ausgeprägte Existenz als Volk aufrechtzuerhalten. Manch einer mag sagen, dass das Volk Israel in gewisser Weise während des Holocaust gestorben ist, so dass sich der Abschnitt über die Auferstehung in Jes. 53:10-12 in der Wiedergeburt des modernen Staates Israel erfüllt hat. Aber diese Argumentation ist nur schwer aufrechtzuerhalten, denn in diesem Falle müsste eine allegorische oder symbolische Interpretation dieses Textabschnitts herangezogen werden. Die Sprache rechtfertigt jedoch nicht eine solche Methode der Auslegung.

Der Text weist auf das Leiden einer Person hin – nicht eines Volkes.

Das wird aus den Worten des Textes sehr deutlich. Man müsste wirklich erst die Worte von Jesaja allegorisch verstehen, um sie überhaupt auf ein ganzes Volk beziehen zu können. Darüber hinaus wird das Thema des „erlösenden Leidens“ in der rabbinischen Tradition ganz speziell auf das Leiden einer bestimmten Person bezogen, die „Messias, Sohn des Josef“ genannt wird.

Das Volk Israel ist der durch das Opfer des Dieners Begünstigte.

Das vielleicht stärkste Argument gegen eine Auslegung, die behauptet, Jesaja, Kap. 53, beziehe sich auf das Volk Israel, findet sich in Vers 8. In diesem Vers beschreibt der Prophet denjenigen, welcher leiden würde „…Denn er wurde abgeschnitten vom Lande der Lebendigen. Wegen des Vergehens seines Volkes hat ihn Strafe getroffen.“ Die Bedeutung des hebräischen Wortes für „abgeschnitten“ bezieht sich auf den Tod der Person und – wenn wörtlich genommen – klar auf eine Person, die für die Sünden von Gottes Volk, dem jüdischen Volk, stirbt.

Deshalb ist es nur fair, die Frage zu stellen: „Wie kann das Volk Israel für das Volk Israel getötet werden?“ Das ist unmöglich. Der Gegenstand von Jesaja, Kap. 53, kann schlicht und einfach nicht Israel als Nation sein.

Viele andere Argumente können vorgebracht werden, um zu zeigen, dass die traditionelle jüdische Auslegung, wonach sich Jesaja, Kap. 53, auf das Volk Israel bezieht, einfach keine genaue Auslegung ist. Vielmehr ist es eine Erklärung, die durch geschichtliche, kulturelle und politische Einflüsse bestimmt wird – nicht jedoch durch den Text.

ZEIZGENÖSSISCHE EINWÄNDE

Die zeitgenössischen Einwände gegenüber Jesaja, Kapitel 53, sind unterschiedlich. Sie schließen eine Geringschätzung des Konzeptes von Tieropfern ein und die Schwierigkeit zu verstehen, warum Gott den Tod seines Sohnes fordern sollte, um Sünde zu vergeben. Es ist unschwer zu erkennen, dass das Gedankengebäude der meisten zeitgenössischen Juden und Nichtjuden durch Jesaja, Kapitel 53, herausgefordert wird.

Auf einer tieferen Ebene wird sichtbar, dass allein schon die Vorstellung, wonach Gott heilig und die Menschheit prädisponiert ist, das Missfallen ihres Schöpfers zu erregen, der mehr optimistischen Sichtweise, die wir über uns selbst vorziehen, widerspricht. Weiterhin prallt die Behauptung, dass Gott über Sünde und Sünder richten muss, weil er gerecht ist, mit unseren modernen Vorstellungen eines „netten“ Gottes, die wir ins Auge fassen, zusammen.

Mehr noch: Viele von uns, die wir im 21. Jahrhundert leben, haben eine Voreingenommenheit gegen Übernatürliches. Wir verachten schnell alles, was als „nicht vernünftig“, „übernatürlich“ oder „altmodisch“ und „archaisch“ daherkommt – eine Art und Weise, in der viele von uns die Lehren der Bibel ansehen.

AUFRUF AN JUDEN UND ALLE ANDEREN

Wir sind innerhalb einer rationalistischen Gedankenwelt aufgewachsen, aber wir hatten nie die Gelegenheit objektiv zu prüfen, ob dieser Rationalismus richtig ist oder nicht. Obschon wir in dem humanistischen Glauben an das Gutsein der Menschheit erzogen wurden, haben doch viele von uns ernsthafte Zweifel an dieser Wahrnehmung. Wir spüren, dass da irgendetwas an unserer Sichtweise falsch ist, aber wir sind nicht sicher, was es ist oder wie wir das Problem lösen können.

Vielleicht ist es für uns an der Zeit, einige unserer Vorurteile abzulegen und unsere Herzen und Köpfe für die Möglichkeit zu öffnen, dass es einen persönlichen Gott gibt, der zu uns gesprochen hat und dass Er etwas Wichtiges zu sagen hat, von dem Er möchte, dass wir es verstehen. Vielleicht

müssen wir einfach einen Schritt Abstand nehmen von der Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind und noch einmal überdenken, ob unsere gegen Übernatürliches gerichtete Einstellung richtig, überhaupt zu rechtfertigen und der einzig richtige Weg, das Leben zu betrachten, sein kann.

Lasst uns einen neuen Blick auf Spiritualität und Glauben, welche die Quelle beachtlicher Schönheit, Edelmütigkeit der Seele und Menschlichkeit sind, werfen.

von Dr.Mitch Glaser  (übersetzt durch Hagen Pelzel)

 

 

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