Schmini Azeret: Gemeinschaft ist mehr als nur ein Wort

 

 

Direkt auf Sukkot, das siebentägige Laubhüttenfest, folgt ein jüdischer Feiertag, der anscheinend dazu verdammt ist, ein Schattendasein zu führen: Schmini Azeret. Die relative Bedeutungslosigkeit, die diesem Fest in der allgemeinen Wahrnehmung zukommt, hat sicher mehrere Ursachen.

Erstens, der Name des Festes, der übersetzt so viel wie „Achter (Tag) der Versammlung“ bedeutet, ist nicht gerade aussagekräftig.

Zweitens, auch die Stellen in der Tora bzw. der Hebräischen Bibel, an denen Schmini Azeret erwähnt wird, sagen praktisch nichts über den eigentlichen Anlass dieses Feiertags aus. So heißt es etwa in 4. Mose 29,35 lapidar: „Am achten Tag sollt ihr eine Festversammlung halten; keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun.“

Drittens, auch in der jüdischen Geschichte lässt sich Schmini Azeret nur schwerlich verorten. Während etwa Chanukka als Gedenktag für die Tempelweihe gilt, Tischa beAv als Gedenktag für die Tempelzerstörung und Jom haAzma’ut als Gedenktag für die Staatsgründung Israels, kann Schmini Azeret keinem bestimmten, historischen Ereignis zugeordnet werden.

Viertens, Schmini Azeret findet nicht nur unmittelbar nach Sukkot, sondern ebenso nur einen Tag vor Simchat Tora, dem Torafreudenfest, statt und wird von dessen Tanz und Gesang bei weitem übertrumpft. In Israel selbst fallen beide Feste sogar auf ein und denselben Tag, wodurch Schmini Azeret nahezu zwangsläufig noch weiter in den Hintergrund tritt.

Und fünftens, traditionell wird an Schmini Azeret das Buch Kohelet (Prediger) gelesen, dessen vermeintlich indifferente Botschaft – „alles ist Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind“ (Kapitel 1,14; 2,17; 4,4)  – sicher auch nicht gerade dazu beiträgt, den Grund des gemeinsamen Feierns kenntlich zu machen.

Letzten Endes drängt sich also die Frage auf: ist Schmini Azeret nicht ein Tag wie jeder andere bzw. zumindest wie jeder andere Schabbat? Denn dass an Schmini Azeret von der „Dienstarbeit“ geruht werden soll, zumindest das verrät der obige Vers aus 4. Mose ja. Und dasselbe gilt ja auch für den wöchentlichen Schabbat. Gemäß dem genannten Vers ist Schmini Azeret allerdings auch noch mit einer zweiten Gepflogenheit verbunden: anders als im Schabbatgebot (2. Mose 20,8-11; 5. Mose 5,12-15), ist in Bezug auf Schmini Azeret nicht nur die Arbeitsruhe, sondern auch die „Festversammlung“ ausdrücklich geboten. Schmini Azeret stellt sich somit als ein ausgesprochenes Fest der Gemeinschaft dar.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Schmini Azeret, trotz seiner relativen Unbekanntheit, ein ungeheuer wichtiges Fest ist. Denn echte Gemeinschaft, echtes Für- und Miteinander müssen unbedingt an Bedeutung gewinnen! Aktuell erleben wir ja, dass im Zuge der weltweiten Pandemie sowohl Rechts- wie auch Linksradikale, Hooligans und Verschwörungsgläubige eine Querfront bilden, die an echter Gemeinschaft kein Interesse hat, sondern diese zerstören will und deren einziger gemeinsamer Nenner bisweilen ein mal mehr und mal weniger offensichtlicher Antisemitismus zu sein scheint. Einem solch destruktiven Zweckbündnis ist nicht zu trauen.

Auf der anderen Seite muss sich jedoch auch die Mehrheitsgesellschaft gefallen lassen, dass ihr Verhalten kritisch hinterfragt wird. Immerhin zu Beginn der globalen Virusverbreitung wurde ja in Politik, Presse sowie sozialen Medien eifrig an den Gemeinschaftssinn appelliert und von allzu vielen Menschen mit allzu gutem Beispiel vorangegangen, wohingegen diese Haltung mittlerweile in vielen Fällen einer gewissen Lethargie gewichen ist. Wesentlich bedenkenswerter ist jedoch noch etwas anderes: während im Rahmen der Pandemieeindämmung unentwegt und geradezu gebetsmühlenartig Solidarität eingefordert wurde bzw. wird, kann und muss man sich fragen, wo diese Solidarität eigentlich war als bspw. in Halle ein Terrorangriff auf eine Synagoge verübt wurde und infolgedessen zwei völlig unbeteiligte Menschen starben. Es ist der Eindruck naheliegend, dass viele Menschen sich des Prinzips der Solidarität nur dann erinnern, wenn sie selbst darauf angewiesen sind.

Nun, ist es angesichts dieses höchst unvollkommenen Gemeinschaftssinnes in der Gesellschaft nicht geradezu grotesk, die Gemeinschaft als solche auch noch zu feiern? Nein, das ist es nicht! Die Gemeinschaft, die den Mittelpunkt von Schmini Azeret bilden soll, ist schließlich gerade keine unvollkommene, sondern eine ideale.

Zugegeben, die ideale Gemeinschaft klingt ziemlich utopisch und irgendwie nach Opium fürs Volk, so als wolle die Religion mal wieder aufs bessere Jenseits vertrösten. Zu dieser Sichtweise kann allerdings nur gelangen, wer von vornherein jede Eigenverantwortung von sich weist. Tatsächlich sind aber in erster Linie wir Menschen dafür verantwortlich, wie wir unser Miteinander gestalten. Und Jeschua haMaschiach gibt hierzu einige hilfreiche Tipps, z.B. diesen hier: „Liebt eure Feinde!“ (Matthäus 5,44).

Nun ist Liebe im biblischen Sinne immer auch tätige Liebe und gar nicht in erster Linie eine emotionale Angelegenheit. Feindesliebe muss deshalb auch nicht zwangsläufig bedeuten, seine WidersacherInnen besonders sympathisch zu finden, sondern vor allem, ihnen Gutes zu tun und eben nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Und darüber hinaus gilt das Gebot, einander Gutes zu tun, natürlich nicht nur unter Feinden. Im Gegenteil: das Gebot der Feindesliebe ist vielmehr eine Erweiterung des Gebots der Nächstenliebe, das Jeschua im vorhergehenden Vers zitiert. Die Torastelle, auf die er sich hier bezieht, lautet folgendermaßen: „Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“ (3. Mose 19,18)

In diesem Sinne möchte ich Sie gerne dazu herausfordern, Nächstenliebe und, sofern Sie Feinde haben, auch Feindesliebe zu üben – und zwar ganz praktisch: tun Sie einem dieser Menschen in den nächsten Tagen etwas Gutes! Das kann ein gemeinsamer Kaffee sein, ein gemeinsamer Spaziergang, Hilfe im Haushalt, Unterstützung bei der Arbeit oder einfach ein gemeinsames Gespräch.

Ja, nicht in jedem Fall werden hierdurch Feinde gleich zu Freunden. Aber ob sie das werden, weiß man meist erst, wenn man es mal probiert hat. Das ist dann echte Gemeinschaft und ganz im Sinne von Shmini Atzeret!

 

Von Magnus J. Grossmann

 

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