Wie hei├čt Gott? …und warum nennt ihn keiner so?

Wie der Name Gottes tats├Ąchlich lautet wei├č, offen gestanden, niemand so ganz genau. Es wird erz├Ąhlt, dass Israel ben Elieser, der Gr├╝nder des chassidischen Judentums, ein Amulett besessen habe, auf dem die korrekte Aussprache des Namens verzeichnet war und mit dessen Hilfe er Wunderheilungen u.├Ą. vollbringen konnte. Das brachte ihm auch den Ehrentitel Baal Schem Tov (“Meister des guten Namens”) ein. Wie so manches in der Biografie Baal Schems ist aber auch diese Episode sehr legendenhaft.

Die n├╝chterne Tatsache lautet, dass das hebr├Ąische Alphabet keine Vokale besitzt. D.h. der Name Gottes, das sog. Tetragrammaton, s├Ąhe in lateinischen Buchstaben so aus: JHWH (ÎÖÎöÎĽÎö). Ab dem fr├╝hen Mittelalter, als das Hebr├Ąische als gesprochene Sprache immer mehr in Vergessenheit geriet, entwickelten aber die Masoreten, die eifrigen Kopisten der biblischen Texte, ein System, das sich Nikkud nennt und dem Leser durch bestimmte Punkte unterhalb der einzelnen Buchstaben die Vokale anzeigt. Da allerdings innerhalb des Judentums seit dem ausgehenden Altertum die Aussprache des Tetragrammatons tabuisiert war, behielten die Masoreten diese Tradition bei und versahen die Buchstaben JHWH nicht etwa mit den tats├Ąchlichen Vokalen dieses Wortes, sondern mit Schewa und Kamaz – bzw. gelegentlich mit einem zus├Ątzlichen Cholam in der Mitte, weil dies den Vokalen des Wortes “Adonaj” (“Herr”) entspricht.

Gem├Ą├č dieser Vokale w├╝rde das Tetragrammaton entweder “Jehwah” oder “Jehowah” ausgesprochen werden. Dass das aber h├Âchstwahrscheinlich nicht der urspr├╝nglichen Aussprache entspricht wird durch antike Texte in griechischer Sprache deutlich, die den hebr├Ąischen Gottesnamen folgenderma├čen transkribieren: Iabe (╬Ö╬▒╬▓╬Á) bzw. Iaue (╬Ö╬▒╬┐¤ů╬Á). Hierbei muss bedacht werden, dass es im Altgriechischen keinen W-Laut gibt. Angesichts dessen vermuten heute die meisten Sprachwissenschaftler, dass die urspr├╝ngliche Aussprache des Tetragrammatons “Jahwe” gelautet haben k├Ânnte. Mit absoluter Sicherheit wei├č aber auch das niemand.

Neben diesem linguistischen Grund gibt es aber noch mindestens zwei weitere Gr├╝nde, weswegen messianische Juden den hebr├Ąischen Gottesnamen in der Regel nicht aussprechen. Zum einen gibt es den theologischen Grund: Gottes Name soll nicht “zur Nichtigkeit” ausgesprochen werden, wie es in den Zehn Geboten hei├čt (2. Mose 20,7). Es handelt sich somit um ein Zeichen des Respekts gegen├╝ber der Tora. Zum anderen gibt es den soziologischen Grund: auf das Aussprechen des Namens wird verzichtet, um damit die Verbundenheit mit dem eigenen Volk auszudr├╝cken. Immerhin ist es im Judentum seit rund zwei Jahrtausenden ├╝blich, Gott mit seinen vielf├Ąltigen Titeln anzusprechen und diese auch zu verwenden, wenn man ├╝ber ihn spricht. Seinen tats├Ąchlichen Namen zu verwenden, der eine h├Âchst komplexe und somit kaum fassbare Bedeutung besitzt, w├╝rde einen dem eigenen Volk und dessen Tradition v├Âllig entfremden.

Da sich aber das messianische Judentum als integraler Bestandteil des Judentums insgesamt versteht, gilt an dieser Stelle das, was Jeschua seinen Nachfolgern in Bezug auf die j├╝dischen Lehrautorit├Ąten und Traditionen befohlen hat: “Alles nun, was sie euch sagen, tut und haltet!” (Mt 23,3) Der Verzicht auf das Aussprechen des Namens ist somit nicht nur um ein Zeichen des Respekts gegen├╝ber der Tora, sondern auch gegen├╝ber dem Volk der Tora.

Magnus Gro├čmann