Wenn wir von messianischem Judentum in der Antike und der Neuzeit sprechen, beziehen wir uns auf eine religi├Âse Tradition, in der Juden sich dazu bekannten, Jesus als Messias Israels nachzufolgen, und dabei weiterhin innerhalb der Sph├Ąre des Judentums lebten. Gemeinschaften solcher Juden existierten in den ersten vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung im Land Israel, in Syrien und jenseits davon.

Vom f├╝nften bis 18. Jahrhundert – 1300 Jahre lang – verschwanden die messianischen Juden dann von der Weltb├╝hne. Die ÔÇ×Scheidung der WegeÔÇť zwischen der Kirche und der Synagoge schloss messianisches Judentum aus. Anders gesagt, schlossen christliche und j├╝dische Leiter die messianischen Juden aus, um den Mythos aufrechtzuerhalten, das Christentum sei eine vom Judentum getrennte und unterscheidbare Religion.

Im 18. Jahrhundert brach eine neue ├ära an. Unter der geistlichen Leiterschaft von Graf Zinzendorf bekamen die B├Âhmischen Br├╝der im deutschen Herrnhut (1735) eine Vision f├╝r die Wiederherstellung des messianischen Judentums. Zinzendorf gr├╝ndete innerhalb der Br├╝dergemeine (Br├╝dergemeinschaft) eine Gemeinde, in der Jesus-gl├Ąubige Juden dazu ermutigt wurden, j├╝disches Leben und j├╝dische Identit├Ąt auszuleben. Diese Gemeinde bezeichnete er als Judenkehille (j├╝dische Gemeinschaft):

Bald entstand das Programm der ÔÇ×Sammlung der ErstlingeÔÇť. Dieses Programm verfolgte das Ziel, einzelne Juden in die Br├╝dergemeine zu integrieren, ohne sie dabei zu ermutigen, ihre Identit├Ąt aufzugebenÔÇŽ Die Neubekehrten sollten innerhalb der Br├╝dergemeine in eine j├╝disch-christliche Gemeinde, die Judenkehille (-kehille ist vom hebr├Ąischen Wort ÔÇ×KehilaÔÇť f├╝r Gemeinschaft abgeleitet), versammelt werden.

Die Judenkehille sollte eine messianisch-j├╝dische Gemeinschaft sein, die sich an die Thora hielt: Zinzendorf und Lieberk├╝hn glaubten, dass j├╝dische Bekehrte weiterhin die mosaischen Gesetze halten sollten. Ihr Plan, innerhalb der B├Âhmischen Br├╝derbewegung eine Judenkehille von j├╝disch-messianischen Gl├Ąubigen zu etablieren, war Ausdruck ihrer Wertsch├Ątzung f├╝r die j├╝dische Tradition und ihrer Anerkennung des fortbestehenden Wertes derselben. ├ťberdies bot der Plan eine pastorale Antwort auf die prek├Ąre Situation von Konvertiten, die meistens erleben mussten, dass sie wie ÔÇ×HeimatvertriebeneÔÇť waren – abgeschnitten von ihren j├╝dischen Wurzeln und doch nicht so ganz zu Hause im Christentum.

Im Laufe der Jahre ├╝berdachte Zinzendorf seine Herangehensweise und kam zu dem Schluss, dass es besser w├Ąre, wenn Judenkehille-Gemeinden autonom innerhalb der j├╝dischen Gemeinschaft existieren w├╝rden und nicht innerhalb der nicht-j├╝dischen christlichen Gemeinden.

In den fr├╝hen 1750er Jahren ├Ąnderte Zinzendorf als Konsequenz das Judenkehille-Projekt dahingehend ab, dass es nunmehr das Ziel verfolgte, Judenkehille-Gemeinden innerhalb der j├╝dischen Gemeinschaften zu etablieren. Die an Jesus gl├Ąubigen Juden sollten als autonome Gemeinschaft in ihrem j├╝dischen Umfeld bleiben und eine Art Keimzelle f├╝r ein messianisch-gl├Ąubiges Israel bilden.

Sp├Ąter dann, in den 1770er Jahren, f├Ârderten die B├Âhmischen Br├╝der die Gr├╝ndung vollst├Ąndig autonomer Judenkehille-Gemeinden in Deutschland, England und der Schweiz.

Zinzendorfs Erfolg bei der Wiederbelebung von messianisch-j├╝dischen Gemeinden nach 13┬áJahrhunderten der Unterdr├╝ckung wirft die Frage auf: ÔÇ×Was war das Besondere an seiner Leiterschaft, das diese Wiedererstehung m├Âglich machte?ÔÇť Die folgende Liste k├Ânnte eine Teilantwort darstellen:

 

  1. Zinzendorf hatte eine Vision f├╝r die nationale und geistliche Wiederherstellung Israels im Land ihrer V├Ąter, gem├Ą├č der Heiligen Schrift, und ein Verlangen danach, noch in seiner eigenen Lebenszeit die ÔÇ×Erstlingsfr├╝chteÔÇť (Offenbarung┬á14,4) zu sehen. Dieser Vision blieb er f├╝nfzig Jahre lang treu ergeben.

 

  1. Zinzendorf war ein ├╝beraus einflussreicher geistlicher Leiter in Europa, Nordamerika und Afrika (z.B. durch seinen Einfluss auf John Wesley mit dem er korrespondierte). Dies verlieh der entstehenden messianischen Gemeinschaft Glaubw├╝rdigkeit.

 

  1. Als Bischof der Herrnhuter Br├╝dergemeine war Zinzendorf in der Lage, seine eigene Glaubensgemeinschaft zu motivieren, die Gr├╝ndung und den Aufbau von Judenkehille-Gemeinden zu unterst├╝tzen und zu f├Ârdern.

 

  1. Graf Zinzendorf verwendete die materiellen Ressourcen seines Anwesens, um die aufkeimende messianische Bewegung sowie die weitere j├╝dische Gemeinschaft zu segnen.

 

  1. Zinzendorf hatte von seiner Glaubens├╝berzeugung her eine Hochachtung f├╝r j├╝dische Menschen. In Sonderbare Gespr├Ąche (1739) erkl├Ąrt er, dass dies so war, weil: (a) Jesus ein Jude ist (Gegenwartsform); (b) die Heilige Schrift gr├Â├čtenteils von den Juden kam; (c) sie ÔÇ×direkte NachkommenÔÇť Abrahams sind, wohingegen nicht-j├╝dische Christen ÔÇ×eingepfropftÔÇť sind (R├Âmer┬á11,17-24); (d) es nicht-j├╝dischen Gl├Ąubigen ÔÇ×ausdr├╝cklich untersagt ist, sich gegen sie zu r├╝hmen, da (i) sie uns tragen und nicht wir sie (R├Âmer┬á11,18) und da (ii) Gott sehr wohl in der Lage ist, sie wieder einzupfropfen und uns wegzuschneiden (R├Âmer┬á11,21-24)ÔÇť; (e) wenn Juden sich ihrem Messias zuwenden, sie es von ganzem Herzen tun; und (f) die Juden ÔÇ×gr├Â├čtenteils einen Sinn haben, der den meisten von uns fehlt, n├Ąmlich einen Sinn f├╝r die Ehre Gottes.ÔÇť

 

  1. Er stellte sich aktiv gegen christlichen Antisemitismus.

 

  1. Zinzendorf entwickelte enge Beziehungen mit j├╝dischen Mitmenschen, die nicht an Jesus glaubten. Er dr├Ąngte seinen Glauben den Juden nicht auf, sondern lud j├╝dische Bekannte und Freunde ein, mit ihm in einen Dialog ├╝ber Glaubensdinge einzutreten. Wenn sie f├╝r einen Dialog nicht offen waren, machte er in dieser Sache keinen Druck und vertrat die ├ťberzeugung, dass das Zeugnis des eigenen Wandels mit Jesus wichtiger war als das, was man sagte. Zinzendorfs Liebe zu Jesus und zum j├╝dischen Volk war in der j├╝dischen Welt bekannt.

 

  1. Er betete f├╝r Israel und die Wiederherstellung einer lebendigen messianisch-j├╝dischen Bewegung und f├╝hrte dies als Priorit├Ąt in die Liturgie der Herrnhuter Br├╝dergemeine ein.

 

  1. Als deutscher Pietist hatte Zinzendorf eine ├Âkumenische Vision, die sowohl Einheit als auch Vielfalt im Leib des Messias feierte. ÔÇ×Zinzendorf mahnte seine Nachfolger eindringlich, immer an die folgende Werte-Trias zu denken: ÔÇÜin wesentlichen Dingen Einheit; in unwesentlichen Dingen Vielfalt; in allen Dingen N├ĄchstenliebeÔÇś. ÔÇť

 

  1. Zinzendorf setzte Leiter ├╝ber die Judenkehille-Gemeinden ein, die Jesus leidenschaftlich liebten, das j├╝dische Volk liebten und die Wichtigkeit j├╝dischen Lebens und j├╝discher Identit├Ąt f├╝r Jesus-gl├Ąubige Juden bekr├Ąftigten. Ihre Ausbildung brachte den Wert zum Ausdruck, den Zinzendorf auf h├Âhere Bildung und insbesondere auf j├╝dische Studien legte. Zwei der von ihm eingesetzten Leiter waren Benjamin David Kirchhof, ein messianischer Jude, und Samuel Lieberk├╝hn, ein messianischer Nicht-Jude, der an der pietistischen Universit├Ąt Halle und der Universit├Ąt Jena Theologie und biblische Sprachen studierte.

 

Um die Merkmale zusammenzufassen, die zu Zinzendorfs Wiederbelebung von messianischen Gemeinden im 18. Jahrhundert beitrugen, kann man sagen, dass er eine anhaltende Vision f├╝r die Wiederherstellung Israels und f├╝r seine ÔÇ×Erstlingsfr├╝chteÔÇť hatte sowie internationalen Einfluss und die Unterst├╝tzung seiner Glaubensgemeinschaft darin, messianische j├╝dische Gemeinschaften zu gr├╝nden; materielle Ressourcen, die er nutzte, um messianische Juden sowie die weitere j├╝dische Gemeinschaft zu segnen, eine Hochachtung f├╝r j├╝dische Menschen, eine Haltung des Widerstands gegen christlichen Antisemitismus, ein durch Liebe und Respekt gekennzeichnetes Zeugnis unter Juden, eine Hingabe an das Gebet f├╝r Israel, ein ├Âkumenisches Herz und Engagement im Heranziehen messianischer Leiter.

 

Quelle (mit Literaturangaben): Dr. David Rudolph, ÔÇťCount Zinzendorf, Pastor Jack and Messianic Jewish RevivalÔÇť in ÔÇ×The Pastor & The Kingdorm, Essays Honoring Jack W. HayfordÔÇŁ, von Jon Huntzinger und S.David Moore, Gateway Academic & TKU Press, 2017, S. 92-99. Leicht gek├╝rzt. Bildnachweis (Lamm): Logo der Herrnhuter Br├╝dergemeine.

├ťbersetzung: J. P. Darby.